flatter und zweieckes haben hier derart gewichtige Einwände und Ansätze vorgetragen, dass es einen eigenständigen Blogeintrag Wert ist.

Zur Schuldenfrage: Natürlich hat flatter zunüchst einmal unstreitig Recht. Die Gesamtgesellschaft, politisch vertreten in den Parlamenten, könnte ihre Schulden per Federstrich los sein - und wäre damit moralisch sogar im Recht. Es ist ein falscher Eigentumsfetisch, der die Mehrheit immer noch glauben macht, „sie“ hätten sich gleichsam persönlich verschuldet und müssten deswegen irgendwem zu Danke sein. Niemand ist Banken oder Fonds zu Dank verpflichtet, das wäre ja noch schöner, und so habe ich es auch nicht gemeint. Wir haben gearbeitet, und die Werte, die generiert wurden, haben wir generiert, niemand anders. (Meine persönlichen Schulden derzeit sind ungelogen 26 Euro!) Aber diese Arbeit fand ja nunmal in einem ganz bestimmten System statt. Auch wir, ich meine das nicht moralisch, haben das sog. Geld, das wir erhielten, ja als angemessenes Entgelt akzeptiert. Und im Rahmen dieses „Systems“ hat „der Staat“ (auch ein Begriff, der nur systemisch Sinn macht) eben doch „Schulden“ (auch ein systemischer Begriff). Sie und ich als schier Existierende haben bei der Bank X, beim Fond Y natürlich keine Schulden. Aber als „Staatsbürger“ haben wir sie sehr wohl. Und arbeitsteilig wirtschaften, dieser Satrz gilt implizit seit der Steinzeit, kann man nur im Rahmen eines Systems. Deswegen ist es sehr wohl ein Problem - und nicht nur ein systemisches, es hat dann auch knallharte, konkrete Folgen außerhalb des Systems (über diese kurze Bemerkung sollten alle Luhmannianer mal nachdenken!)- , wenn im Rahmen des System sich Ungleichgewichte manifestieren. Noch immer war ein strukturelles - also durch ein paar Steuermaßnahmen nicht mehr umkehrbares - Staatsdefizit, das sich dann per Zins und Zinsezins immer weiter verstärkte, noch immer war diese Todesspirale der Staatsfinanzen Ausdruck für strukturelle Ungleichgewichte. Römisches Reich, 1789, Kriegsfinanzierung WW 1, Weltwirtschaftskrise 1929 und ihre Liquidierung. (Ich biete ferner an: Untergang des spanischen Weltreichs, Untergang der britischen Vormacht, Untergang des französischen Kolomialreichs undundund)

Mir ist klar, dass ich mit reichlich Ballast anrücke: Untergang des römischen Reiches, 1789 und die Reichsmark gleich doppelt, darunter macht ers nicht, der Finkeldey. Aber ich denke wirklich, dass wir in diesen Dimensionen denken müssen. Der gesamte Westen, ich rede jetzt von Staaten, ist im Rahmen seines Systems w i r k l i c h hoffnungslos überschuldet und hält - in unterschiedlichem Ausmaß - das unterste Drittel/Viertel seiner Gesellschaft erbarmungslos kurz, während die sprichwörtlichen oberen Zehntausend gar nicht wissen, wohin mit ihrem sog. Eigentum. Solche Ungleichgewichte s i n d dramatisch und haben bis jetzt im Lauf der Weltgeschichte noch immer zu Verwerfungen geführt. Und diese Ungleichgewichte w e r d e n definitiv ausgeglichen werden - wir wissen nur noch nicht, wie. Durch globale Machtverschiebungen a la Rom? Durch eine Revolution? Durch einen neofaschistischen Zucht-und-Ordnung-Staat, der Krieg führt? Ich weiß nicht, wie. Ich weiß auch nicht, wann. Aber ich weiß, d a s s.

Der Glaube, dieses Desaster noch abwenden zu können, sei es durch Brüning-Hooversche Dr-Eisenbarth-Kuren (um Himmels Willen!), sei es durch deficit spending ohne Maß, ist in meinen Augen hoffnungslos naiv. Wie Max Otte in seinem auch ansonsten ja prophetischen Buch „Der Crash kommt“ (2006) schrieb: Diese Schuldenlast kann von der folgenden Generation, also unseren Kindern, beim allerbesten Willen nicht mehr bedient werden. Schon beim reinen Schuldendienst (Zins und Zinseszins ohne Tilgung) knirscht es gewaltig - und wer hier noch an eine mögliche Tilgung glaubt, hat, Verzeihung, in meinen Augen einfach einen Knall. (Ich rede von einer Tilgung im Rahmen des bestehenden Systems!) Vergesst es. Diese Ungleichgewichte müssen anders liquidiert werden - durch knallharte 98%-Besteuerung der Vermögenden (was mein Ansatz wäre, was s o g a r für die Vermögenden das Mildeste wäre!), durch brutales Weginflationieren oder durch Währungsschnitte. Man darf, mit allem Respekt für Keynes und Roosevelt, vielleicht daran erinnern, dass die Ungleichgewichte der letzten Weltwirtschaftskrise auch nicht durch pures deficit spending plus ein bißchen Regulieren und ein bißchen Reichensteuer liquidiert wurden, sondern durch einen Weltkrieg und danach durch Weginflationieren (zB USA, England) bzw einen knallharten Währungsschnitt (etwa Deutschland). Der zweite Weltkrieg wird - zu Recht! - primär als Angriffs- und Volksvernichtungskrieg Nazi-Deutschlands und auch Tojo-Japans wahrgenommen, da unterschlägt man leicht seine volkswirtschaftlichen Dimensionen.

Ich wiederhole mich gern: Ich bin kein Volkswirt und lasse mich belehren. Nur hat mir meine historischen Analogieschlüsse bis jetzt noch niemand wiederlegt. Das Argument, Schulden seien gleichsam nicht schlimm, da dem ja Forderungen entgegen stünden, verursacht bei mir inzwischen nicht mal mehr mitleidiges Kichern. Natürlich gibt es dann auch Forderungen, wer hätte das gedacht! Nur: Das ist ja das Problem. Schaut Euch doch historisch an, was es bedeutet hat, wenn Wenige an die Gesamtgesellschaft Forderungen hatten, die die Einzelmitglieder dieser Gesamtgesellschaft persönlich nie eingegangen sind, jetzt aber aufzubringen haben (und zwar persönlich, mit persönlichen Einschränkungen, nicht bloß „systemisch“).

Speist sich meine Analyse von der Lust am Untergang (was letztlich doch auf schlechtes Nietzsche-Epigonentum hinausliefe; Links-Nietzscheanismus sozusagen)? Ich glaube nicht. Ich bin primär sozialisiert worden in den Willy-Willy-Jahren, also in den besten Jahren, die die Bundesrepublik je hatte. Zur Debatte stand damals die herzzereißende Frage, ob wir Kleinen im Mathe-Unterricht Grundschule eigentlich Mengenlehre lernen sollten oder nicht. (Ich bin noch heute dafür, denn Mengenlehre lehrt Logik.) Ich bin Harmonist: Könnten nicht alle ganz doll lieb zueinander sein? Lust am Untergang einer Welt, wo man sich über Mengenlehre gestritten hat, habe ich gewiß nicht. Nur frage ich mich inwzischen: Was war der Preis für diese Welt - und wer hat ihn gezahlt?