Immer wieder stellt sich die Frage, warum speziell der Mittelstand sich so widersprüchlich verhält, warum er zB zwar in Umfragen immer wieder pro soziale Politik votiert, um dann dennoch schwarz-gelb zu wählen. Albrecht Müllers Antwort - das Volk sei Opfer manipulativer Machenschaften - habe ich hier schon mehrfach als zwar nicht falsch, jedoch unzureichend bezeichnet.
Unser Londoner Korrespondent Friedrich Engels hat sich ebenfalls Gedanken über den Zustand der Mittelschicht ("Kleinbürger") gemacht und gelangt zu einigen interessanten Beobachtungen und Überlegungen über deren Widersprüchlichkeiten. Per Depesche aus London:
Die Klasse der Handwerker und Kleinhändler ist in Deutschland außerordentlich zahlreich, eine Folge des Umstands, daß die großen Kapitalisten und Industriellen als Klasse in ihrer Entwicklung gehemmt waren. In den größeren Städten bildete sie beinahe die Mehrheit der Bevölkerung, in den kleineren überwiegt sie völlig, da es dort an reicheren Mitbewerbern um den maßgebenden Einfluß fehlt. Dieses Kleinbürgertum, in jedem modernen Staat und bei allen modernen Revolutionen von höchster Bedeutung, ist besonders wichtig in Deutschland, wo es bei den jüngsten Kämpfen meist eine entscheidende Rolle gespielt hat. Seine Zwischenstellung zwischen der Klasse der größeren Kapitalisten, Kaufleute und Industriellen, der eigentlichen Bourgeoisie, und dem Proletariat oder der Arbeiterklasse ist für seinen Charakter bestimmend. Es strebt nach der Stellung der Bourgeoisie, aber das geringste Mißgeschick schleudert die Angehörigen des Kleinbürgertums hinab in die Reihen des Proletariats. In monarchischen und feudalen Ländern bedarf das Kleinbürgertum, um existieren zu können, der Kundschaft des Hofes und des Adels; der Verlust dieser Kundschaft würde es zu einem großen teil zugrunde richten. In kleineren Städten bildet häufig eine Garnison, eine Kreisregierung, ein Gerichtshof und deren ganzer Anhang die Grundlage seines Wohlstands; entzieht man sie ihm, so ist es um die Krämer, Schneider, Schuhmacher, Schreiner geschehen. Das ewige Hin- und Hergerissensein zwischen der Hoffnung, in die Reihen der wohlhabenderen Klasse aufzusteigen, und der Furcht, auf das Niveau der Proletarier oder gar des Paupers hinabgedrückt zu werden; zwischen der Hoffnung, seine Interessen durch Eroberung eines Anteils an der Leitung der Staatsgeschäfte zu fördern, und der Furcht, durch ungelegene Opposition den Zorn einer Regierung zu erregen, von der seine Existenz völlig abhängt, da sie die Macht hat, ihm die besten Kunden zu entziehen; die Geringfügigkeit eines Besitzes, dessen Unsicherheit im umgekehrten Verhältnis steht zur Größe – all dies macht das Kleinbürgertum äußerst wankelmütig in seinen Anschauungen. Demütig und kriecherisch unterwürfig unter einer starken feudalen oder monarchischen Regierung, wendet es sich dem Liberalismus zu, wenn die Bourgeoisie im Aufstieg ist; sobald die Bourgeoisie ihre eigene Herrschaft gesichert hat, wird es von heftigen demokratischen Anwandlungen befallen, versinkt aber jämmerlich in Furcht und Zagen, sobald die Klasse unter ihm, das Proletariat, eine selbständige Bewegung wagt. (Engels, Friedrich, Revolution und Konterrevolution in Deutschland. in : Marx/Engels, Ausgewählte Werke II, Berlin 1970, p. 188 ff)
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Pro
Hallo Hartmut,
ich glaube, was du suchst, findest du bei Helmuth Plessner "Die verspätete Nation". In den 1930er Jahren versuchte Plessner holländischen Studenten zu erklären, warum der östliche Nachbar den Anschluss an die liberalen Ideen der Aufklärung verpasst hat und sich die nationalsozialistische Ideologie mit ihrer Verführbarkeit so erfolgreich hat ausbreiten können.
Wichtig dabei ist, zu verstehen, dass sich die deutsche Nation gegen Frankreich konstituierte. Also sich gegen die Aufklärung wandte und die Zivilisation. Wer erinnert sich nicht an den unsäglichen Treitschke, der in seiner Zeit ein wissenschaftlicher Star war, und den Spruch prägte:
"Die anderen haben bloß eine Zivilisation. Wir dagegen haben Kultur."
Politischer Liberalismus wie demokratischer Rationalismus sind in Deutschland nie angekommen, sondern hinter der Kultivierung des Völkischen zurückgeblieben.
Also, während in den fortschrittlichsten Gesellschaften (Hegel: Bürgerliche Gesellschaft) des 19 Jh. eine "invention of tradition" (Hobsbawm & Ranger) stattfand, auf die sich das durch Revolution herausgebildete nationale Bewusstsein stützen konnte, mangelte es dem Deutschen an der Verbindung zu den Epochen. Es steht im Verhältnis traditionslos da, schreibt Plessner.
In diesem Zusammenhang ist es überaus wichtig zu begreifen, dass es Deutschland im 19. Jh. nicht gab. Es wurde von oben geschaffen und die territoriale Zerissenheit beendet, auch weil die nationale bürgerliche Bewegung in der Frankfurter Paulskirche 1848/49 versagte. Darauf ritt später Max Weber besonders herum.
Doch stand die deutsche Nationalbewegung vor existenziellen Widersprüchen. Stichwort Wartburgfest. Schwarz-Rot-Gold war gerichtet gegen "le tricolore" und am Ende landete das erste bürgerliche Gesetzbuch, der Code Napoleon, im Feuer. Die Bücherverbrennung wurde dann zur schlechten Tradition und bürgerliche Rechte hingegen etwas, dass man von oben duldet.
Der deutsche Geist des 19 Jh., bevor sich Deutschland konstituierte, hatte viel Potential. Der Vorteil im materiellen Mangel bestand nämlich darin, über das Geschehen, den Fortschritt und das Zuückbleiben nachzudenken. Nur unter diesen Voraussetungen konnte sich Kant überhaupt mit einer Kategorie wie der Moral beschäftigen und Marx mit der Kategorie des Bewusstseins. Dazu noch einmal Plessner:
Der industrielle "take off", der mit der Bismarckschen Reichsgründung 1871 einsetzte und alle anderen Ökonomien binnen kürzester Zeit in den Schatten stellte, vermochte den Mangel an ethischen und humanistischen Grundsätzen zu überdecken. Im Bismarckschen Staatsgedanken manifestierte sich der ausgeprägte Fortschrittglaube des späten 19 Jh., in dem der Mensch lediglich zur ökonomischen Größe reduziert wird.
Und da...(Plessner)
Und Union und FDP wie auch in der Einheitssoße dazugehörend Grüne und SPD bedienen noch heute diese gesellschaftlich verinnerlichten Bedürfnisse einer schlechten Traditionsbildung. Das latente Gefühl, zu kurz gekommen zu sein, tritt immer dann besonders stark zu Tage, wenn die ökonomische Entwicklung schlecht ist. Dann richtet sich die Reaktion aber nicht etwa gegen die politisch Verantwortlichen, sondern gegen jene Gruppen der Gesellschaft, von denen man glaubt, dass sie einem von der als schmal empfundenen persönlichen Existenz etwas wegnehmen könnten.
Hetzkampagnen wie "Leitkultur" und die großen "Wertediskussionen", die offenbar bei der Suche des deutschen Platzes helfen sollen, bringen nicht umsonst den größten Beifall innerhalb der sich als "bürgerlich" bezeichnenden Parteien. So nichtssagend, belanglos und irrelevant dieser Quatsch auch immer sein mag. Das Volk stimmt am Stammtisch meistens zu.