Das wird jetzt systematisch intoniert: Wenn Lehmann nicht pleite gegangen...wenn die US-Regierung (also der Andere, nicht wir!) diesen schweren Fehler nicht...An der Wall Street, da wurde gezockt - allein und ausschließlich durch Madoff, Blankfein, Rubinstein und Schwarzmen vermutlich! -, während wir in Frankfurt/Main immerzu nur an Anne Frank dachten, die in dieser beschaulichen, dem ehrlichen Broterwerb hingebungsvoll dienenden Main-Metropole, die so glücklich war... Und wer dieses Gebahren kritisiert, womöglich schon seit Jahren, der ist ein Anti-Amerikaner/Antisemit, weil...

Okay, ich räume es ein: Ich betreibe gerade das, was Thomas Mann einmal so herrlich die "Ironie eines Trampeltiers" genannt hat. Aber mir fällt es wirklich schwer, hier noch differenziert zu bleiben. Was ich mir derzeit, wir "feiern" heute ersten Jahrestag, zur Lehmann-Pleite am 15.09.2008 anhören muss, empfinde ich in seiner tief-deutschen Verlogenheit als körperlich unerträglich! Ich bestreite natürlich nicht, dass die Lehmann-Pleite sowohl als Katalysator wie auch als Lakmus-Test fungierte: Sie hat die Dinge beschleunigt und sichtbar gemacht.

Wer aber behauptet, ohne die Lehmann-Pleite wäre der Dalles an uns vorbeigegangen, lügt entweder, oder er weiß es wirklich nicht besser in seiner vorurteilsgesteuerten Hirnvernageltheit.

Denn dieser beliebte deutsche Mythos ist schlicht haltlos. Selbst mir als wirtschaftswissenschaftlichem und wirtschaftspolitischem Total-Laien fallen diverse Ungereimtheiten auf:

- Die IKB-Pleite - spätestens bei der hätten innerhalb des Bundesfinanzministeriums alle Alarmsirenen angehen müssen - war im Spätsommer 2007. Damals lernten wir den Begriff "Schnelltender" kennen. Vielleicht erinnert sich der eine oder andere noch. Warum ist nichts geschehen? Nichts? Wer hat die darauf hin folgende Untätigkeit zu verantworten? Selbst ich - ich beschäftige mich für gewöhnlich mit Gedichten, nicht mit Bilanzen - brachte zu Beginn des Jahres 2008 bereits Postings, in denen ich auf den Tulpenwahn hinwies und Pots großartiges Bild "Floras Malewagen" (Floras Narrenwagen) verlinkte. Kompetentere, wie etwa Albrecht Müller oder Max Otte, traten natürlich noch viel früher auf den Plan. Das kann doch einfach nicht wahr sein, dass die gut bezahlten Experten im Bundesfinanzministerium dort nichts merkten, wo selbst bei mir die Alarmsirenen angingen!

- Die HRE hat sich nicht bloß mit nordamerikanischen, sondern zunächst einmal mit ostdeutschen Immobilien verzockt. Genauer gesagt war es die HypoVereinsbank (die Rolle Hans-Werner Sinns wäre aufzuklären!). Die HRE wurde ja erst 2003 gegründet. Plausible Berichte, wonach sie im Grunde seit ihrer Gründung als bad bank fungierte, regelrecht als solche gegründet wurde, wurden niemals widerlegt.

- Trotz beschränkter Methoden, und obwohl entscheidende Dinge einfach für geheim erklärt wurden, hat der HRE-Untersuchungsausschuß immerhin ans Licht befördert, dass das Bundesfinanzministerium 2008 sehr wohl Warnung auf Warnung erhalten hat. Die Ausreden der Beteiligten - etwa Asmussen, der allen Ernstes sogar seinen Jahresurlaub ins Spiel brachte - wirken auf mich außerordentlich kläglich. Klar gesagt: Wenn ich in meiner mittelständischen Firma einen 250.000.- € Auftrag verbockte, weil die entscheidende Email während meines Urlaubs ankam, würde ich, weil ich dann meinen Mail-Account nach meinem Urlaub ganz offenkundig nicht genau geprüft hätte, mit einem Arschtritt herausfliegen. Und zwar erstens fristlos, zweitens mit 3-monatiger Sperrzeit bei der Arbeitsagentur (Arbeitsplatz selbstverschuldet verloren!) und drittens völlig zu Recht! Der Versager Asmussen aber macht einfach fröhlich weiter. Das ist, sorry, auch menschlich gegenüber denen, die derzeit oder demnächst ihre sozio-ökonomische Existenz verlieren, schlicht unappetittlich.

- Schon seit Frühjahr 2008 gab die Bush-Administration Konsumgutscheine aus. Weiß keiner mehr, war aber so. Die Rezession war längst eingetreten, als Lehmann pleite ging. Bei der Behauptung, die Lehmann-Pleite sei Schuld an der Rezession, handelt es sich also offenbar um eine Schutzbehauptung. Wer wird geschützt, mit welchen Motiven? Übrigens scheiterten die US-Konsumgutscheine an einem gedanklichen Fehler. Offenkundig konnte man diese Gutscheine auch auf die hohe Kante legen - was die Leute dann natürlich nachvollziehbarer Weise auch taten. Man muss ihn aber a) mit Verfallsdatum und b) mit der ausdrücklichen Erlaubnis zum Verkauf in Umlauf bringen.

- mit einer Schamlosigkeit ohnegleichen behauptet Ackermann, die Deutsche Bank nehme kein Staatsgeld. Da würde er sich nämlich schämen. Ackermann lügt, wenn der Begriff der Lüge überhaupt noch einen Sinn hat, und das darf man jetzt auch gerne so verlinken! Über die wesentlich von ihm mit initiierte sog. Bankenrettung nutznießt die Deutsche Bank sehr wohl in einem erheblichen Ausmaß vom Geld des Steuerzahlers, etwa über die HRE-Rettung. Ohne dieses Staatsgeld wäre die Deutsche Bank pleite, zumindest erheblich gefährdet oder beschädigt. Man möchte der Commerzbank ja fast eine Bresche schlagen: Sie ist wenigstens, wenn auch auf klägliche Art, gleichsam "ehrlich", sie nimmt das Geld direkt. Ackermann scheint die Staatsgeldwäsche zu bevorzugen...

- mit einer Schamlosigkeit, die derjenigen Ackermanns in nichts nachsteht, faseln die Verantwortlichen - von Eichel über Steinbrück bis zu Merkel - davon, sie hätten immer schon gewarnt, hätten immer schon regulieren wollen, hätten nur leider keinen Einfluß gehabt. Da gibt es jetzt genau zwei Möglichkeiten: Entweder sie lügen schlicht, und haben dort dereguliert, wo sie Regulierungsbemühungen vorgaukeln. Oder sie hatten und haben wirklich keinen Einfluß, die Musike wird in Wahrheit woanders gespielt, und sie waren und sind bloß demokratische Camouflage für Oligarchen oder Plutokraten. Und wie immer dürften beide Ansätze Teile der Wirklichkeit gut beschreiben...

- fast am unerträglichten finde ich das schmierige Spiel der FDP. Sie war und ist - das ist korrekt - im Bund seit 1998 in der Opposition. Genau daraus bezieht sie derzeit ihr moralisches Gewicht (ihr eigentliches Klientel würde für ca 4-7 % genügen). Das ist die derzeit gleichsam tiefste Lüge, die öffentlich unterwegs ist. Nicht nur - das Abstimmungsverhalten der FDP und die Protokolle belegen es! -, dass die FDP, als sie Opposition war, gleichsam neoliberal immer nochmal einen draufsatteln wollte. Redebeiträge pro mehr Regulierung wollen und wollen sich in der Suchmaschine einfach nicht anfinden lassen! Sobald ein pro-neoliberal Gesetz von rot-grün oder schwarz-rot beschlossen wurde, pawlowte es aus der FDP: reicht nicht, reicht nicht, mehr, mehr! Und nicht nur dies: Lesen Sie mal die Protokolle der Enquete-Kommission des Bundestages zur Globalisierung 2001/02! Vor allem aber: Die Deregulierung begann vor 1998. Jürgen Roths prophetisches Buch "Absturz" - es erschien 1997, und es zeigte präzise, was passiert, wenn ich das Öffentliche privatisiere. Bei allem zutiefst berechtigten Ärger über SPD und Grüne: ich halte es für wesentlich, in den letzten knapp zwei Wochen vor der Wahl immer wieder klar zu machen: Wer, in zutiefst nachvollziehbarer Weise, als Opposition gegen die derzeitige schwarz-rot Regierung FDP wählt, tauscht den neoliberalen Teufel gegen den brutalliberalen Beelzebub! Deswegen meine Wahlempfehlung: Wenn Ihr, aus mir verständlichen Gründen (ich war bekanntlich "Menschenhändler" und hätte eigentlich nach Bautzen gehört) LiPa nicht wählen könnt - dann wählt, mit tausend Bauschmerzen, Sozis oder meinethalben Grün. Wählt nicht, per Pseudokritik, FDP!(Eine Jamaika-Koalition wird es im Bund nicht geben, dazu müssten die Grünen ihre Atompolitik verraten, und das wäre zu Recht ihr Ende.)

Soweit einige unsystematische Bemerkungen zum 15.09.2008. Symbolisch bleibt der Tag bestehen - an ihm wurde sichtbar, was vorher schon klar war: "knapp tausend Jahre siegen, dann Schicht im Schacht" notierte ein damals (1994) ziemlich junger Hamburger Lyriker...ist wohl auch so. Wie auch immer: Das Ableugnen von Verantwortung ist, was mich an dieser Geschichte am deutlichsten anekelt. Dass die/der neue deutsche Kanzler/in Merkel oder Steinmeier heißt, ist ein Witz - aber ein ganz schlimmer...