Das heute unter beträchtlichen Geräuschen publizierte "Internet-Manifest" sorgt bei mir für einige Zustimmung, aber noch mehr für Irritationen. Immerhin klärt sich mir so langsam, was mich an der, entschuldigung, Netz-Besoffenheit eigentlich so stört.

Eines vorab: Das Internet ist Realität. Niemand will, niemand kann, niemand wird es abschaffen, und das ist gut so. Ich kritisiere nicht den Impetus der 15. Über von der Leyen z.B. werden wir uns ganz gewiss problemlos handelseinig (das sollte allerdings sowieso klar sein, wir wollen unsere Zeit nicht mit Trivialitäten verplempern)! Ich kritisiere vielmehr ihre Realitätsbeschreibung, weil ich die - wie das Manifest selber an einer bezeichnenden Stelle preisgibt - in der Tat für "idealistisch" und also schief gedacht halte.

Dabei wird meine Kritik notorisch von folgender Argumentationsfigur Gebrauch machen: Man kann im Internet, das ist ja das Großartige daran, in der Tat ganz genau das machen, was man schon auf Tontäfelchen in Keilschrift machen konnte: Gute Gedichte schreiben und nicht ganz so gute, lügen, denunzieren, die Wahrheit sagen, die Menschenrechte verkünden, die Menschenrechte einfordern, die Menschenrechte aufheben, einfach mal plaudern, Informationen übermitteln, Informationen faken... Der kurzen Rede langer Sinn: Ob nun im Netz oder auf Tontäfelchen, es bleibt Aufgabe des Rezipienten, das Gelesene zu bewerten. Diese Bewertung kann ihm das Web nicht abnehmen.

Im Einzelnen:

4. Die Freiheit des Internet ist unantastbar.

Ja! Und das bedeutet eben (siehe oben): Niggemeier kann seinen Blog machen. Ich mache meinen. Und bezahlte Spin-Doctors mit einem Beraterstab im Hintergrund können sich überall einloggen und zB Webforen, die dem politischen Austausch "normaler" Bürger dienen sollen, durch schiere Masse, auch durch wohlvorbereitete und geschickte PR-Arbeit kaputt spamen. Die Freiheit des Webs hebt sich so selbst gleichsam ein Stück weit wieder auf. Ich habe nämlich gar nicht die Zeitressourcen, die ein in Vollzeit angestellter Mitarbeiter einer PR-Agentur oder eines Parteibüros hat. Kann es sein, dass sich das Manifest hier eine Freiheit herbeihalluziniert, von der es ahnt oder mit Gründen mutmaßt, dass diese Freiheit schon nicht mehr existiert? Auch im Web bestimmen Ressourcen (letztlich sind das immer ökonomische Ressourcen), was gespielt wird, und sei es durch Suchmaschinenoptimierung. Das meine ich nicht als Kritik am Impetus des Manifests - wir sind da schon auf der gleichen Seite -, aber man muss das wissen. Ich habe, ich sage das sehr vorsichtig, ein wenig den Eindruck, dass die Verfasserinnen und Verfasser des Manifests - als Netz-Urgesteine - immer noch von den wilden, anarchischen Anfangsjahren träumen. Diese Zeiten sind jedoch vorbei. Im Web wird massiv und zielgerichtet manipuliert, gefaked, lanciert. Bitte recht verstehen: ich halte die Freiheit des Netzes für alternativlos (wie könnte eine Alternative denn wohl aussehen? Wollen wir eine linke Ursula etablieren? Das wäre der Web-Horror persönlich...). Aber suggerieren wir uns bitte nicht selber dumm: Das Internet ist mitnichten demokratischer als etwa die Print-Medien. Alein die Zugriffszahlen - Ergebnis der Ressourcen, die aufgewendet werden, um eine URL direkt oder indirekt zu bewerben - beweisen es. Dreimal dürft ihr raten, wer da führt im deutschsprachigen Netz.

5. Das Internet ist der Sieg der Information.

Schön wärs. Wesen des Internets ist es sozusagen ja, kein Wesen zu haben. In der Tat: Ob mein Blog, Niggemeiers fantastische BILD-Beobachtung oder die NPD: jeder kann ohne große Kosten in ihm publizieren. Sieg der Information möchte ich das vorläufig noch nicht nennen.

11. Mehr ist mehr – es gibt kein Zuviel an Information.

An Information sicherlich nicht - ich bin immer ganz begeistert, wenn ich auf der Wikipedia meinen Lieblingslink anklicke (soeben war es dieser hier) - , aber erweitern wirklich alle Texte, die suggerieren, informativ zu sein, unseren Wissens-Horizont? Und wieder komme ich notorisch auf den wunden Punkt zu sprechen. Es gibt keine Gewähr, nirgends, auch nicht im Netz. Denn das Internet ist nunmal nicht besser (natürlich auch nicht schlechter) als das Tontäfelchen.

Werbefinanzierte...

Ah, ja doch. Werbefinanziert. Ganz frei vermutlich, wie? Bitte recht verstehen: Jeder, der in dieser Gesellschaft lebt, macht Kompromisse. Das gilt natürlich auch für den Verfasser dieser Zeilen. (Wer keine macht, müsste nämlich sofort schreiend auf die Strasse rennen und sich einweisen lassen.) Aber dann sollte man es auch sagen - und nicht vorderhand mit hehren Begriffen wedeln, die böse Mainstreampresse abwatschen, nur um hinterhand dann doch bloß peinlich Futterneid an den Tag zu legen, weil SpON nun einmal höhere Werbeerlöse erzielt. Auch hier gilt: Ich meine das nicht als Vorwurf. Ich klage niemanden an, der mit seinem Online-Projekt legitimer weise auch Erlöse erzielen will (ich muss übrigens auch Geld verdienen, Eierschale, ich hab ihn mal gefragt, nimmt mein Vermieter nämlich nicht!) - ich fordere lediglich Realismus ein.

Das Internet entlarvt gleichförmige Massenware. (siehe unten die Kommentare: Ein Hinweis des Kollegen duroy, besten Dank dafür!)

Das sollte sicher ein Witz sein...

Die “Generation Wikipedia” weiß im Zweifel die Glaubwürdigkeit einer Quelle abzuschätzen, Nachrichten bis zu ihrem Ursprung zu verfolgen und zu recherchieren, zu überprüfen und zu gewichten – für sich oder in der Gruppe.

Ich möchte auch hier versuchen, sachlich zu bleiben, aber das ist nun wirklich erstens Blödsinn und zweitens offenkundiger Blödsinn. Man rede mal mit Flamewar-Opfern, mit Opfern von Online-Mobbing darüber, wie "herrlich" das Web zu kritischem Urteilen erzieht. Mich ärgert, und das wäre der Kern meiner Kritik, diese Idealisierung des Webs wirklich. Ich nenne so ewas Netz-Narzissmus. Das Web macht aus niemandem automatisch einen kritischen Rezipienten. Ich bin nicht gegen das Netz (und wenn schon!), bin mit Sicherheit nicht gegen Meinungspluralität, Offenheit gerade für Minderheitenpositionen, finde die Möglichkeit, schneller als bisher die Mythen des Medienmainstreams zu hinterfragen, fantastisch - aber ich bin auch hier einfach für Realismus. Im Internet findet man in der Tat alles: Vom tollen Blogger - ich verweise an meine Blogroll - bis zum üblen Denunzianten. Nur eines findet man nicht: einen "Kritische-Denke"-Automatismus.

Wir, die wir uns vom Web oder überhaupt kritisches Denken erhoffen, sind eine Minderheit, so, wie wir es in den Prae-Netzzeiten vermutlich auch schon waren. Die weitaus meisten konsumieren das Netz, indem sie sexy Bildchen sehen, sich für lau Filme und Musik ranzocken*, auf Bild.de surfen, wenns da um sex and crime geht und ansonsten den Banknachbarn per youtube-Filmchen übel bloßstellen. Sorry, ich meins nicht mal arrogant, aber es ist einfach so. Wir tun uns einfach keinen Gefallen, wenn wir diese Banalitäten verschweigen.

Deswegen mein Vorschlag: Etwas weniger Netz-Narzissmus, etwas mehr Plädoyer für kritisches Denken. Das Netz selber ist strunzdumm. Wir sind es, unaufhebbar wir, die etwas aus ihm machen können.

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* edit: Neeeiiin, ich bin nicht für die Sperre, aber ich weise auf einen Sachverhalt hin und sehe hier ein Problem. Natürlich ist das so. Türlich werden im Netz Copyrights verletzt. Das Internet ist missbrauchbar! Wie alles, wie jeder! Reden wir über das Problem - reden wir über das Problem! Sonst tun es die Falschen...