Ich persönlich bin viel zurückhaltender - man kann es natürlich auch Schwäche und Angst nennen -, als dieser Blog. Die Blog-Battle zwischen autismuskritik und metalust (siehe etwa hier und hier, dazu auch meinen Beitrag und die Diskussionen jeweils) empfinde ich als überflüssig. Beide Blogs finde ich hochinteressant, anregend, einfach ein Gewinn für mich. (Faustregel: Wenn ich mich, nachdem ich in einem Blog gelesen habe, in meine Bücherwand versenke, hier, da, dort blättere und weiterlese, muss der Blogbeitrag stimmig gewesen sein!)
Ob ich die beiden streitenden Parteien zurück an einen Tisch bekomme, weiß ich nicht. Muß vielleicht auch gar nicht sein. Ich will aber mal kurz auflisten, was mir an den jeweiligen Ansätzen richtig vorkommt.
ich weiß, was an der Metapher "krank" problematisch ist - dennoch kann es m.E. kaum streitig sein, dass diverse Akteure in dieser Gesellschaft ihre eigenen, wie man in den 70ern gesagt hätte, "kaputten Strukturen" ausagieren. Es ist richtig, vor Gesinnungsschnüffelei zu warnen, davor, progressiv auf Vordermann gebracht zu werden (wo hamse jedient, wo hamse kritisch räfläktiat? Meldung ans Rrrrrrevolutions- oder Therapiebüro sprungaufmarschmarsch!). Aber das bedeutet doch nicht, dass man alles und jeden als lebensweltliche Eigenheit durchwinken kann. Wer darüber schwadroniert, Flüchtlingsboote durch die Marine aufzuhalten, zur Not per Beschuß - der ist (jetzt fällt das pöhse Wort!) in gewisser Weise "krank". (Oder einfach ein Arschloch.) Wer - und es ist die Mehrheit, wie alle Umfragen belegen - pro Todesstrafe votiert, über dessen geistigen und Gemütszustand mache auch ich mir so meine Gedanken. Vor kurzem wurden zum ersten Mal seit dem 8.Mai 1945 in Deutschland wieder Kriegsorden verliehen - übrigens von Frau Merkel persönlich. Ja, das nenne ich krank und kaputt. In Hannah Arendts Worten (aus dem Gauss-Interview): da weiß einer nicht, wer er ist!
Andererseits finde ich es fragwürdig, philosophische Analyse per se lediglich als Ausdruck oder als geistiges Silhouettenbild dieser besagten kaputten Strukturen zu deuten. Es stimmt auch historisch nicht. Man kann der Philosophie manchen Vorwurf machen - aber diesen nun wirklich nicht. Vereinfacht gesagt: Vermutlich war Kant auch Anal-Sadist or something like that. Who cares! Er war sehr viel mehr... Das Interessante an der Philosophie ist doch dies: Wo ihre Gedanken Neues eröffnen, etwas, was zum Teil über die persönlichen Beschränkungen des jeweiligen Philosophen hinausweisen. Kant persönlich war Frauenfeind, Schwulenhasser, Rassist und Antisemit. Je nun. Bei einem 1724 geborenen Kleinbürgersohn darf das nicht allzu sehr verwundern. das Interessante ist doch, dass seine moralphilosophische Konzeption, sein deontisches Prinzip - jeden jederzeit zugleich als Endzweck ansehen - über diese persönlichen bschränkungen Kants hinausweist. Vereinfacht: Wer Kants Ethik Ernst nimmt, der kann kein Juden-, Schwulen-, Frauen-, Menschenhasser sein. Ich halte es darüber hinaus auch für methodisch falsch, wenn man Philosophie - oder auch Kunst, ihre illegitime, aber schönere Halbschwester - zum Material für tiefenpsychologische Analysen degradiert.
Momorulez hat auch Recht, wenn er schreibt:
Kritisieren darf nur, wer über die richtige Theorie verfügt. Verfügen Obdachlose und Marginalsierte allerorten aber auch nicht drüber. Und genau um die ging es Foucault. Denen wollte er eine Stimme verleihen, und ich weiß nicht, warum monoma das auf Teufel komm raus verhindern will.wobei ich nicht weiß, ob der Vorwurf monoma trifft. (Kritische Frage: Maßt sich Foucault hier nicht auch ein bißchen was an?)
Was Momorulez nun wiederum nicht sieht: Selbstverständlich gibt es eine ungute Postmodern-Variante, die "Stil" und "Pop" und "sich-neu-erfinden" ruft, aber bloß ihre Privilegien meint. Bersarin hat mir hier viel von den Lippen genommen. Man muß nicht jedem Pop-Song auf Krampf gar nicht vorhandenes subversives Potenzial zuschwätzen. Aber ein bißchen gepflegtes easy-listening ist in Ordnung. Es gibt nämlich in der Tat ein Leben vor der Revolution. Und da auch als-ob-leben einmal, wenn ich mich recht erinnere, pro easy-listening votierte, könnten sich die Parteien ja hier ggfls treffen...
Soweit nochmal meine versteckten Kommentare - schnell aus der Hüfte. Ich hatte jetzt keine Lust, stundenlang zu lesen, zu anotieren. Dazu ist es heute etwas zu heiß, auch jetzt noch.
Stundenlanges lesen ist da nicht nötig. Der hier reicht, und das hat nix mit Filosofengeschwurbel zu tun, da ist einfach Ende Gelände.
http://metalust.wordpress.com/2009/07/09/ein-manifest/#comment-1903