Ich habe immer noch viel Unerledigtes auf dem Schreibtisch - aber dieser Beitrag Mo´s soll schnell ein paar Kommentare finden. genauer gesagt geht es mir (musikalisch kann ich nichts Kompetentes beitragen) um jene Passagen, die sich kritisch zur Postmoderne äußern.
vielleicht wird eine der wenigen positiven wirkungen der krise auch sein, dass sie die sich in diversen rosaroten als-ob-welten befindlichen, von inszenierungen und events aller art - wie bspw. auch us-amerikanischen präsidentschaftswahlen - faszinierten demokraten (die das nur durch beständige ausbeutung anderer in all ihren finsteren variationen sein können) allesamt wieder in die zwar niemals (und glücklicherweise) perfekte, aber dafür authentische und einzig lebbare realität regelrecht zurückschleudern wird. was spätestens dann der fall sein wird, wenn das geld zur unterhaltung all der simulationen und pseudoidentitäten (durch mode etc.) nicht mehr vorhanden ist, oder aber schlicht die nötigen infrastrukturen kollabieren. ich prophezeie für diesen moment höchst erstaunte, fassungslose und letztlich auch verzweifelte gesichter - aber mein mitleid wird sich in diesem fall ausdrücklich in grenzen halten. denn dafür hat diese ganze "postmoderne" viel zu viele schäden angerichtet.Nun, wer mich kennt, weiß, dass ich seit Jahrzehnten nichts anderes sage (Selbstzitat aus den 90ern: "zu hungern ist keine Simulation, auch keine sinnüberdeterminierte, und kein soziales Konstrukt - zu hungern ist eine ganz reale katastrophe für den, den es betrifft"). Tatsächlich habe ich in der sog. "Postmoderne", zumindest in der postmodernen "Szene", nie etwas anderes sehen können als die Selbstermächtigung der happy few zu beliebigem getründel, zu "Szene", "Event", "Stil" - alles Dinge, die von anderen zu bezahlen waren. Der Komplementär dieser beliebig-belanglosen Mickey-Mouse-Philosophie, dieses gelangweilt-multiplen, urbanen Daseins war dann ganz konsequent jener Sozialdarwinismus, der die Muschiks innerlich auf Vordermann bringen und fittspritzen sollte für die anstehenden Verteilungsschlägereien. Tatsächlich liegen beide Seiten der Medaille im Werk Friedrich Nietzsches ja bereits vollkommen entfaltet vor: Hüben die Kunst als letzte metaphysische Tätigkeit, die Aufforderung zur Selbststilisierung, Verfeinerung, auch dazu, multiple Perspektiven einzugehen, das Verleugnen von Eindeutigkeit - und drüben Nietzsches klammoffener Jubel über die Härten des Lebens. Ich habe mich hier ja vielfach dazu geäußert.
Zwei Ergänzungen:
Diese Kritik bedeutet nicht, allen Werken der "Postmoderne" Rang und Verdienst abzusprechen. Wenigstens zwei Bücher - Foucaults Ordnung der Dinge und Barthes´ Fragmente einer Sprache der Liebe - halte ich ohne jede Einschränkung für genial. Foucaults Frage nach den
(...)impliziten Philosophien, die ihm (dem wissenschaftlichen Bewusstsein, h.f.) zugrunde lagen, unartikulierte Thematik, die unsichtbaren Hindernisse (OdD, 11), seine Unterscheidung von epistemologischer und archäologischer Ebene des Wissens bleiben erregend. Es kann keine Rede davon sein, dass Foucault das Subjekt schwächen wollte. Es ging ihm um eine Zustandsbeschreibung, um Erklärungen, um Einsichten - dass man sich im Rahmen jener dumpfen kulturellen Bewegung, die wir heute "Postmoderne" nennen, bei Foucault die Erlaubnis zu allem Möglichen holte, kann man ihm wohl kaum ankreiden. Ich bin sicher, das Mo das genau so sieht. Er selber riskiert ja immer wieder archäologische Blicke. Freilich: Welcher urbane Postmoderne ließt schon Foucault...
Zum zweiten: ich halte es für einen großen Fehler der Linken, sich mit keinem Wort einmal substanziell die Frage vorgelegt zu haben, warum die Postmoderne für die urbane Funktionselite so attraktiv war. Die linke Standardanwort lautete: Weil sie den Privilegierten die Privilegien legitimierte. Das ist sicherlich auch richtig. Aber es war nur die halbe Wahrheit. Ich habe hier schon einmal eine Diskussion zu diesem Punkt in Gang bringen wollen, mich aber offenbar unklar ausgedrückt. Ich will es nochmal versuchen:
Nietzsches Moralkritik wirkt auch auf mich - ganz offen - attraktiv und stimmig. Genauer gesagt: Sie wirkt dort stimmig auf mich, wo sie der Moral zutreffenderweise verlogene Motive nachweist. Machen wir uns hier nichts vor. Die aggressive linke Selbstgefälligkeit hat es ihren politischen Gegnern leicht gemacht. Niemand läßt sich gerne vors Moral-Tribunal zerren. Die stalinistische Trischta (öffentliche Kritik und Selbstkritik), also der Versuch, den "neuen Menschen" gewaltsam zu konstruieren, trieb nur auf die Spitze, womit das progressive Denken seit der französischen Revolution nicht zu Rande kam und worauf es zu häufig nur mit blechernem und strafbereitem Moralismus reagierte; ein Moralismus, dessen Doppelzüngigkeit immer wieder mit allen Händen greifbar ist. Die linke Sauberkeitserziehung - das, was Peter Rühmkorf einmal so herrlich den "linken Rohrstock" nannte - habe auch ich sehr unangenehm in Erinnerung.
Wir haben es hier mit einem echten Scylla-Charybdis-Problem zu tun. Natürlich geht es nicht an, dass ich Waffen an Kindersoldaten verscheuere und abends, rotweingestählt, fallweise entweder Nietzsche-Zitate oder ein "wenn ichs nicht tue..." daherlalle, um meine kaputte Identität zu stabilisieren. Aber die Aggressivität, mit der selbsternannte Polit-Kommissare jeden meiner Selbstwidersprüche unter Anklage stellen (was die mit ihrem Gebahren überkompensieren, will ich gar nicht so genau wissen), ist einfach nur kontraproduktiv. Ich bin in einer widersprüchlichen Gesellschaft groß geworden - natürlich habe ich meine Widersprüche, wer denn nicht! Und so könnte ich Momorulez, Mo´s Gegner in dieser Debatte hie und da sogar Recht geben. Natürlich gibt es sie, die linken Sozialarbeiter, die "Moral" rufen und ihre Herrschaft (und ihre Verbeamtung) meinen. Es ist Momorulez aber entgangen, das er sich am völlig Falschen abarbeitet. Und sein letzter Satz - Mo habe die "Kritik an Homophobie, an Rassismus, an Thatcherismus" boykottiert (!) - ist entweder glatt gelogen oder das Ergebnis sekundären Analphabethismus´ und allemal schlicht unverschämt.
"Es ist Momorulez aber entgangen, das er sich am völlig Falschen abarbeitet. Und sein letzter Satz - Mo habe die "Kritik an Homophobie, an Rassismus, an Thatcherismus" boykottiert (!) - ist entweder glatt gelogen oder das Ergebnis sekundären Analphabethismus´ und allemal schlicht unverschämt."
Kurz vorm Zubettgehen: Nee, das ist nicht unverschämt, das ist leidvolle Erfahrung, wobei das üblich ist, diese als sekundären Analphabetismus oder Diva-Allüren oder Instrumentalisierung von irgendwas abzutun - aber natürlich schläft es sich besser mit solchen Abwehrschlachten gegen das Gemeinte. Man kann sich dann besser wiederholen. Jahrzehntelang. Immmer wieder.
Und vielleicht so als Tipp bis morgen Abend: Statt "Postmoderne" mit irgendwelhen Milieus zu identifizieren, die Du nicht mochtest, lies sie doch einfach mal wieder, die Postmodernen! Du wirst z.B. sehr viele Bezüge zu Hannah Arendt finden.
"Nun, wer mich kennt, weiß, dass ich seit Jahrzehnten nichts anderes sage"
Das muss hart sein ;-) ... Gruß aus der Neustadt nach Barmbek. Sagt einer, der mehr als ein Jahrzehnt unter der "Fuhle" gelitten hat. Das ist aber was anderes als das oben Gemeinte.