Ich verweise auf Mo´s neueste Krisennotizen. Im Wesentlichen bin ich mit seiner Arbeit, von der ich jetzt schon voraussage, dass sie, sofern er (sie?) sie sicher abspeichert, von erheblichem dokumentarischen und gedanklichen Wert sein wird, wieder einverstanden (zu Peak-Oil: ja, sicher doch, aber dass Spekulanten die Lage für sich ausnutzen und die Preise noch ein Stück weiter hochtreiben, wird vermutlich auch Mo nicht bestreiten).
Eine Differenz gibt es vielleicht, und sie mag sogar die entscheidende sein. Ich meine die parallelen Welten, auf die diese Krise in den Industrieländern trifft: Vom 53jährigen - erste Bandscheibenprobleme inklusive! -, der jetzt erwerblos wird und genau weiß: das wars, sein soziales Leben ist zuende, über den verbeamteten Studienrat, dem zwar, sobald die Krise sich auch hier massiv verschärft, auch eine gewisse Kürzung der Bezüge droht, der aber als relativ abgesichert gelten darf, bis hin zum Krisengewinnler. Vom kleinen Selbständigen, der immer FDP gewählt hat, weil "Leistung sich ja lohnen muss" und sich zur Leistungselite zählte, um jetzt erbarmungslos von der Krise erfasst zu werden, über den jungdynamischen BWLer, der seinen gut dotierten Job behalten hat und voller Verachtung auf das Prekariat sieht, bis hin zur Sozialpädagogin mit 2/3-Stelle, die in ihrem schlecht bezahlten Job mit immer unzureichenderen Mittel Krisen-Pillen Palliative verabfolgen soll, um ihr Klientel zu sedieren... Sie alle leben in miteinander nicht zu vereinbarenden Parallel-Welten. Die Realität hat sich sozusagen geteilt (präziser: Die immer schon vorhandene Teilung der Welt wird in der Krise grausam sichtbar).
Mo´s und anderer Szenarien sind um Dimensionen realistischer als das alberne und durchsichtig motivierte Optimismus-Gelalle eines dahergelaufenen Herrn Guttenberg (wer wirklich glaubt, dass es demnächst wieder aufwärts geht, verdient fast unser Mitleid: In Folge der Insolvenzen, des sinkenden Binnenkonsums, der Forderungsausfälle gegenüber Privatschuldnern, der wg sog Bankenrettung überlasteten Staatshaushalte, der nächsten Platz-Ballone/Kreditkartenblase etc, und all dies weltweit!, ist die Krisenspirale ja überhaupt erst eröffnet!) - aber sie übersehen m.E. eben dies: Dass zwischen Zusammenbruch und Aufschwung noch viele Szenarien möglich sind.
Die Herrschenden wissen sehr gut, dass sie lediglich den Mittelstand in den Machtzentren der Welt halbwegs bei Laune halten müssen. Die klammheimliche, etwa per Steuerforderung der Union/FDP im Grunde sogar klammoffene Krisen-Strategie lautet: Das Prekariat wird geopfert, isoliert und bekämpft (zur Not müssen zu überwachende soziale Gettos entstehen - es gibt sie im Grunde ja schon lange!), der Mittelstand aber muss um jeden Preis - auch, wenn es ohne blaue Augen nicht mehr abgehen wird - über Wasser gehalten werden. Gelingt ihnen dies - und mithilfe Potemkinscher Dörfer wird ihnen dies wohl zumindest bis Herbst gelingen -, ist die halbe Miete eingefahren. Das Prekariat im Trikont reguliert seine Anzahl schon von selber - an ein paar tränenreichen ARD-Spendengalen solls nicht mangeln! Wir sind ja nicht so! -, und schon darf, auf den Trümmern und Hekatomben dieses mörderischen Irrsinns, wieder wie neu ursprünglich akkumuliert werden. Symbolisch muss man dann noch ein paar restlos Diskreditierte opfern (Asmussen, Steinbruck, Freytag, Peiner, Middelhoff, vielleicht auch Merkel und Ackermann - Mitleid muss da dann übrigens keiner haben). Das wars dann auch. Ich halte einen Westerwelle/Merz-Sieg nicht für ausgeschlossen, im Gegenteil.
Der Mittelstand spürt das dumpf. Jeder dieser ehrenwerten Stützen der Gesellschaft - und ich entstamme dieser Schicht - gibt mir gegenüber im Gespräch sofort zu, wie unsäglich widerlich die Finanzaristrokatie agiert hat. Ich habe von konservativen CDU-Wählern, sogar von Mittelstands-FDPlern Sätze über Bänker und andere DAX-Konzerne gehört, die aus juristischen Gründen nicht zitierfähig sind. Nur, und das ist das Entscheidende: Sie ändern ihre Wahlentscheidung nicht! Sie wählen weiterhin bürgerlich nicht obwohl, sondern weil sie wissen, es hier letztlich mit sotospeak Gaunern zu tun zu haben (ich zitiere bloß!). Mit Gaunern, die über die Macht verfügen, ihnen aus den verminderten Ressourcen einen halbwegs akzeptablen Anteil zuzuschranzen.
Wir müssen uns immer wieder klar machen: Der Tsunami wird nicht kommen. Er ist längst da! Die Zahl der Hungernden, also die Zahl der Toten, steigt (auch in Aufschwungsjahren sind natürlich eine unfassbar große Anzahl von Menschen verhungert, das vergisst sich so leicht!). Inmitten dieses Tsunamis leben Menschen - sie haben schieres Glück gehabt - auf Anhöhen und freuen sich nicht nur wie die Schneekönige, dass es sie nicht erwischt, sondern wiegeln ab. Ist ja alles letztlich gar nicht so schlimm, und die Toten sind dann tot. Ich will nicht in Misanthropie machen. Der Mensch ist vermutlich so (auch, wenn Tucho darauf hin so herrlich schrieb: Nein, er sei ja ganz anders...). Ich weiß nicht, ob es eine anthropologische Grundkonstante ist...derzeit jedenfalls ist es noch so, dass die Nah-Gruppe mehr zählt. Auch ich bin so. Ich weiß, und weiß es seit Jahrzehnten, dass jeden Tag, jede Stunde auf diesem Überflußplaneten Menschen verhungern. Dennoch hatte und habe ich Lebensfreude (wenn mein Glück aussetzt, schrieb Brecht in den Nachegborenen, bin ich verloren). Ginge es mit rechten Dingen zu, ich müßte darüber wahnsinnig werden. Werde ich aber nicht. Das bedeutet, dass ich mich (ich glaube, Adorno hat das einmal so ausgedrückt) dem Wahnsinn, der objektiv herrscht, subjektiv nicht überlasse. Wäre es - fatale Paradoxie - vernünftiger, wahnsinnig zu werden? Was ja hieße, für den Wahn Sinn zu entwickeln?
Wir müssen das in Rechnung stellen: Wenn es gelingt, per "Teile und herrsche" dafür zu sorgen, dass sich die Opfer dieses Desasters im wesentlichen auf politisch Ohnmächtige (Trikont plus Prekariat in den Industrieländern) beschränken lassen, werden sie es gewinnen. Dass dann am Ende, nach Abschluß des Fluchts in die Sachwerte, vermutlich auch so etwas wie ein Währungsschnitt stehen wird - who cares! (Und gemessen an den Millionen und Abermillionen Opfern dieser Krise, die es jetzt schon gibt, insbesondere im Trikont, ist mir die wahrscheinliche Tatsache, dass Oma Müller dann ihre Bar-Ersparnisse verlieren wird, ehrlich gesagt auch wirklich ziemlich wumpe!) Nicht nur Simulation, auch Parallelität wird den Herrschenden also helfen.
Noch eine Bemerkung zu meiner vordergründig apolitisch-moralischen Haltung in meinem Posting zu Charlotte Roche: Ich bin in der Tat gegen die Prügelstrafe (dazu mag man meine Kinder befragen, wenn man sie kennt ;-) ), aber ich bin auch gegen Verlogenheit. Eben die von mir kritisierte Verlogenheit der Bessergestellten war es nicht zuletzt, die dieses Desaster ermöglicht hat. Insofern finde ich schon, dass meine abstrakt-moralische Haltung auch so etwas wie Politik beinhaltet. Wir müssen die Verantwortlichen - und das sind sicherlich primär Leute wie Ackermann oder Asmussen, aber das ist eben auch der dynamische FDP-Junglehrer oder die ihre "Aufgaben" verinnerlichende Arbeitsvermittlerin - schon mit ihrem Tun, und also mit sich selbst konfrontieren. Ohne diese erweiterte Funktionselite wäre das, was gerade vor unseren fassungslosen Augen abläuft, nicht möglich gewesen.
Isquierda

Hallo finkeldey,
und du machst eine Krise das Kapitals am "sozialen Ende" alter Männer fest, weil diese chancenlos arbeitslos werden oder weil eine Sozialpädagogin auf 2/3-Stelle immer spärlicher bezahlt wird? Wenn sie Kinder hat, wird sie seit Jahren unterbezahlt und nur die Illusion des Handwerskers mit Bandscheibenvorfalls, gerecht bezahlt zu werden, schützt sie vor sozialer Gerechtigkeit. Lediglich die bürgerliche Genügsamkeit, dass es bisher eben so ging, weil es den alten Männern noch gut ging, hielt doch dieses System lukrativ am Laufen: Nur die unbezahlte Reproduktionsarbeit - vornehmlich von Frauen geleistet - macht doch Kapitalismus profitabel. Die Rarirität, auch Männer als willige Stützen des System den kapitalistischen Verwertungsmechanismen zu überstellen, macht nun plötzlich die Krise aus.
Hoffen wir, dass nun auch die Männer die Ohnmacht der (ansonsten überwiegend weiblichen) Gratisarbeit, die Basis kapitalistischer Verhältnisse, auch ganz bewußt verinnerlichen und zukünftig Verständnis für den Unmut der Frauen entwickeln, deren Krise sich schon einige Zeit dahinschleppt: Die Ausgangsbasis ist nämlich für Frauen eine andere.
LG
Isi