Wer hier mitliest, weiß, dass ich mich seit Jahren immer wieder mal um jene Intellektuellen kümmere, die spätestens seit Botho Strauss´ "Anschwellender Bocksgesang" (1993) auf den Plan treten: Geistig im Grunde Teil jener schlechten Postmoderne, die ihre kritischen Einsichten längst über Bord geworfen hat, finden sie den frei floatenden Zeichentaumel zwischen Mickey Mouse und Benn-Zitaten degoutant und plädieren lustvoll für "notwendige Härten". Und so lobt Matthias Matussek jetzt ganz konsequent "Disziplinarmaßnahmen für die Zukunft", wobei er sich auf Weimer, Weber (falsch! Weber operiert deskriptiv, nicht normativ!), Sloterdijk und natürlich Nietzsche beruft.

Nun ist das Alles natürlich nicht Neu. Die konservative Revolution, die jetzt in Gestalt Strauss´, Bohrers, Matusseks und anderer wieder auftritt, formierte sich in den 20ern schon einmal, als es galt, konservative Antworten auf eine krisenhafte Moderne zu finden. Und zwar konservative Antworten im Modus der Moderne. Es ging der konservativen Revolution eben gerade nicht darum - das gilt gleichermaßen für ihr heutiges Revival -, einfach nur nörgelnd die alten Rechte des Gutsherrn zu reinstallieren. Wer diesen konservativen Intellektuellen vorwirft, ihre Ideologie laufe letztlich bloß darauf hinaus, Privilegien für die happy few, für die gefühlte "Elite" abzusichern, während die Muschiks in der Tretmühle gefälligst Dampf zu geben haben, der liegt zwar netto-end sicherlich richtig: genau darauf läuft die konservative Revolution hinaus. Aber er versagt sich Einsichten, wenn er die Frage verweigert, warum diese konservative Revolution so attraktiv ist, warum nicht wenige, darunter kluge Köpfe, diesem hochveranlagten und hochartifiziellen Wirrwarr zu neigten und neigen.

Genau hier hat die Linke auf eine ärgerliche Weise versagt. Mit dem (wohlgemerkt: letztlich zutreffenden!) Verdikt "reaktionär" schnell bei der Hand, hat die Linke ihre Auseinandersetzung mit dem Ästhetizismus allzu leichtfertig beendet. Wenn eine geistige Bewegung - und mag sie noch so wirr sein, wie es die konservative Revolution ja zweifellos ist - immer wieder eine solche Attraktivität ausübt, dann verweist das auf Plausibilitäten, die nicht so einfach vom Tisch gefegt werden dürfen. Egal, wie verquer diese Plausibilitäten in die jeweilige Welt- und Selbstbeschreibung eingebunden werden.

Mentor, fast Prophet der konservativen Revolution war, ist und bleibt Friedrich Nietzsche und kein anderer; die ganze konservative Revolution kann als einzige Fußnote zu seinem Werk verstanden werden. Tatsächlich finden wir all ihre Topoi bereits bei ihm. Dabei bleibt ironischerweise offen, ob Nietzsche sich selber in ihr überhaupt wiedergefunden hätte. Was er mit dem "neuen Menschen" und der "neuen Menschlichkeit" meinte, ist hinreichend unklar. Sage mir - so schon Kurt Tucholsky in den 20ern - was Du brauchst, und ich besorge Dir ein Nietzsche-Zitat. (Von Tucholsky, weißgott mehr als nur ein blechtrompetener linker Feuilleton-Fritze, stammen übrigens einige der profilitiersten zeitgenössen Kritiken an der konservativen Revolution, insbesondere an Spengler; faire Einsichten. Hätte Hochhuth sie genau zur Kenntnis genommen, hätte ihn dies vor mancher Peinlichkeit bewahren können. Und auch die Linke hätte daraus lernen können. Dies nebenbei.) Gleichviel. Es geht bei Nietzsche, so in etwa, um Folgendes (ich bitte darum, davon abzusehen, die folgenden kurzen Bemerkungen in einem Nietzsche-Seminar zu gebrauchen):

Die Moderne hat wie keine andere Zeit die leidenschaftslose Analyse exponiert. Dies gilt auch für die Sprachkritik. Dinge, die für Jahrhunderte fix schienen, sind auf einmal keine Dinge mehr - weil ihr Ding-Sein hinterfragt wird. Paradox ausgedrückt: Unsere Wahrhaftigkeit hat uns zuletzt den Begriff "Wahrheit" madig gemacht. Es gibt ja gar nichts "wahres dahinter", keine "wahre Welt" hinter den Erscheinungen, und somit natürlich auch keine scheinbare Welt. Es gibt folglich auch keine Prinzipien, die man aus der postulierten "eigentlichen" Welt ableiten könnte, es gibt kein "wahres Selbst", letztlich nicht einmal ein "Selbst", sondern nur etwas, das da punktuell wahrnimmt: Heute so, morgen so. Und folgerichtig ändert sich auch das "Selbst" oder das "Ich" ständig. (David Hume hat diese radikale Kritik Nietzsches vorweg genommen, Nietzsche scheint das entgangen zu sein.) Grundfehler aller Philosophen: "Unwillkürlich schwebt ihnen "der Mensch" als eine aeterna veritas, als ein Gleichbleibendes in allem Strudel, als ein sicheres Maß aller Dinge vor" (MazM, KE 2). Die Sprache selbst ist es, die uns solche Fixierungen immer wieder einflüstert; dabei haben wir lediglich vergessen, dass es sich bei unseren Begriffen um abgenutzte Metaphern handelt. Die Welt und wir in ihr können von uns allein noch ästhetisch erfahren werden, und das heißt: Fragmentarisch, gebrochen, dezentriert, historisch, ohne jeden Fixpunkt. "Stil ist der Wahrheit überlegen" wird Gottfried Benn zusammenfassend sagen, und das ist in der Tat Nietzsche in nuce.

Dieser Ansatz verbindet sich mit einer radikalen Moralkritik. Moral hat nichts zu tun mit jener Selbstlosigkeit, die sie vorgaukelt. Sie ist vielmehr interessegeleitet, Ausdruck kontingenter Befindlichkeiten. Wenn aber - und zwar, wohlgemerkt, als Ergebnis redlicher Untersuchungen! - der Begriff "Wahrheit" obsolet geworden ist, kein Fixpunkt und allemal kein Gott und keine Werte mehr zur Verfügung stehen - was bleibt dann? Es bleibt Haltlosigkeit. In dieser Haltlosigkeit, in diesem Wirwarr und Trubel reagieren die Meisten verunsichert, sozusagen als Herdentier, und wollen letztlich nichts als uniforme Ruhe sowie Brot und Spiele.

Nun begeht Nietzsche an dieser Stelle einen Fehler - wenn es sich denn um einen Fehler handelt. Jetzt gibt es auf einmal doch einen Grundsatz. Jetzt gibt es auf einmal doch ein principium individuationes, sozusagen eine Weltformel, jetzt gilt auf einmal doch "der Mensch" als eine aeterna veritas. Genauer gesagt gibt es sogar zwei Grundprinzipien, wobei das zweite aus dem ersten folgt: Alles, was wir tun, alles, was wir erleiden, alle Perzeptionen, Perspektiven, Gefühle, Handlungen...alles ist bloß Ausdruck des Willens zur Macht. Unser Wille zur Macht ist unser Movens. Und die unhintergehbare Grundtatsache, dass jede unserer Lebensregungen eben nichts anderes sein kann, als: Uns zur Geltung zu bringen, bedingt eine Wiederkehr des ewig Gleichen.

Aus dem Grundsatz "Wille zur Macht bedingt alles" folgt die Wiederkehr des Ewig gleichen m.E. nun zweifellos. Immer das gleiche Spiel, nichts Neues unter der Sonne. Dies widerspricht aber seinem historischen Ansatz ganz offenkundig. Denn wenn das Spiel sich immer gleicht, kann der Nihilismus der Moderne nicht die Wirkungen entfalten, die er laut Nietzsche doch zeitigen soll. Im Übrigen irrt Nietzsche auch ganz banal historisch: "Die Griechen", in denen er, genau wie vor ihm Hölderlin, nach ihm Hannah Arendt, Modell des geglückten Lebens erblickt, hat es so, wie er sich das vorstellte, nie gegeben. Er erliegt hier einfach der alten deutschen Sehnsucht nach der Antike (eine Sehnsucht, die im Übrigen in nichts "klassisch" genannt werden kann - was ist das, Klassik? -, sondern die hoffnungslos romantisch ist.) Die Moderne hat auch keinesfalls erst anonyme Massen hervorgebracht, den Nihilsmus installiert; sie hat diese Phänomene bestenfalls sichtbar gemacht. Nietzsche sah das alles nicht, sah es vermutlich ganz ehrlich nicht. Und so folgert er aus seiner widersprüchlichen Diagnose seinen umstrittensten Gedanken: Es müsse als Reaktion auf den Nihilismus der Moderne zu einer bewussten "Umwertung aller Werte" kommen, das, was bisher gleichsam ´unbewusst´ und dadurch eben verlogen Werte gesetzt habe - der Wille zur Macht, als "Selbstlosigkeit" getarnt - solle sich nunmehr bewusst Geltung verschaffen. Das Schwache, Lebensunfähige soll gestürzt werden, das Starke, der "höhere Mensch" siegen.

Nietzsche operiert hier als Sozialdarwinist. Man hat das lange Zeit bemänteln wollen. Es gibt, wie Bernhard Taureck in einem der wichtigsten Nietzsche-Kommentare, die wir haben, stringent nachweist, daran aber nichts zu verdrehen (Taureck, Bernhard, Nietzsche und der Faschismus, Hamburg 1989, 2te Leipzig 2000). Es kann übrigens auch keine Rede davon sein, dass wir es hier mit philologischen Fälschungen zu tun haben. Das Konzept vom "Willen zur Macht" ist bei Nietzsche zentral; auch in den authorisierten, veröffentlichten Texten.

Nietzsche-Verteidiger verweisen immer wieder auf den KE 103 in der "Morgenröte": "Vorausgesetzt, daß ich kein Narr bin". Sie stellen klar (und das stimmt auch!), dass Nietzsche sein Übermensch-Konzept aus dem Zarathustra fallen gelassen und durch das vom "höheren Menschen" ersetzt habe. Im Gegensatz zum "Übermenschen", von dem der Zarathustra selber sagt, dass es ihn noch nie gab, gibt es sehr wohl Modelle vom "höheren Menschen"; Nietzsches Beispiel war bekanntlich Goethe. Dies könnte man ggfls wirklich als Rückkehr Nietzsches zur Humanität, präziser: als Neugewinnung eines Verständnisses von Humanität deuten. Möglich, dass Nietzsches Entwicklung dialektisch beschrieben werden kann...

Gut, das wäre eine mögliche Sicht auf Nietzsche. Gegenbeweise gibt es viele (noch einmal sei an den Tucholsky-Satz erinnert!); so spricht Nietzsche mehrfach wortwörtlich von "Ausrotten" (vergl. Taureck, aaO, p. 197ff) - und bewegt sich mit dieser Metapher, egal, wie er sie "gemeint" hat, in einem sehr unguten Mainstream: "Erziehen oder ausrotten" war das, was die Elite Europas/Nordamerikas damals, als der Imperialismus auf seinen Höhepunkt zutrieb, den sog. "primitiven Völkern" wie selbstverständlich und in aller Offenheit zudachte. Es ist ausgeschlossen, dass diese Ausrottungsphantasien Nietzsche nicht präsent waren. Und wie auch immer wir diese sich widersprechenden Passagen im Einzelnen deuten: Unstreitig sollte sein, dass Nietzsches Texte eine Interpretation erlauben, von der aus zumindest auch eine ziemlich stringente und sehr abschüssige Bahn zu 1933 führt.

Nietzsche hat somit nach meinem Verständnis zwei Philosophien entwickelt, die sich deutlich widersprechen. Zum Ersten: Ein Ästhetizismus, der bereits alle wesentlichen Elemente dessen enthält, was wir seit einigen Dekaden als "Postmoderne" kennen: Keine wahre Welt existiert und kein wahres Selbst, Dezentrierung und Kontingenz bestimmen die Szenerie, unser Blick auf die Welt besteht aus vielen Perspektiven ohne gemeinsamen Nenner, die Sprache bildet "die Welt" nur scheinbar objektiv ab, tatsächlich haben wir hier von einem "beweglichen Heer von Metaphern" auszugehen, wir selber sind uns fremd, unsere Körperlichkeit drückt sich vielfältig und für uns überraschend aus - die Kunst, der persönliche Stil, der Versuch, unser Leben als Gesamtkunstwerk, als Erzählung zu organisieren, ist unsere einzige Möglichkeit, noch so etwas wie Übergangserfahrungen zu machen. Zum Zweiten: Ein Sozialdarwinismus, gleichsam die Antwort auf seine Dezentrierungen: In ihm gibt es auf einmal doch ein Prinzip, eines nur: Das Bejubeln der Stärke, das Recht des Siegers.

Es scheint mir unstreitig, dass wir es hier mit einem massiven Widerspruch zu tun haben. Alle Versuche, für Nietzsches Übergang vom Ästhetizismus zum Sozialdwarwinismus so etwas wie argumentative Plausibilität zu finden, sehe ich gescheitert. (Beide Konzepte entwickelte er im Übrigen ziemlich zeitgleich; es handelt sich nicht um eine autobiographische Aufeinanderfolge.) Da aber andererseits nicht nur Nietzsche persönlich beide Konzepte vertrat, sondern mit und nach ihm wesentliche Teile der Avantgarde, können wir mit guten Gründen davon ausgehen, dass hier mehr vorliegt als nur unklare Begrifflichkeit und schlechte Analyse.

Was also macht diesen Übergang zum Pathos der Härte für den Ästheten so attraktiv? Ich fürchte, die Antwort ist zunächst einmal grauenhaft einfach: Endlich einmal dabei sein, endlich einmal Sieger sein, endlich einmal keine dieser Gegengründe, die einem ständig im Kopf spuken, endlich einmal ohne wenn und aber "Ja" sagen dürfen. Endlich einmal kein "Die Kompliziertheit der Welt überwältigt mich" (Thomas Mann). Dazu kommt aber noch etwas anderes: In seinem "anschwellenden Bocksgesang" bejubelt Strauss nachgeradezu frenetisch Odysseus, wie er die Freier abstraft, Telemach dafür, dass er das Gesinde aufknüpft. Die Happy few, die sich immer schon vom Pöbel abgegrenzt haben, deren Selbstverständnis davon lebt, dass allein sie die ressource "Sinn" definieren und produzieren...jetzt dürfen sie es dem Plebs mal so richtig besorgen. Ob nun Thomas Mann in seinen Weltkriegsessays, George in seinen späten Gedichten, Jünger, der den Kampf als inneres Erlebnis preist, Hamsun und Benn, die den Züchtungsphantasien der Nazis zuneigten oder jetzt Strauss und Matussek: Nicht obwohl, sondern weil der Übergang zum Pathos der Härte Gewalt verheißt, jubeln diese Intellektuellen ihr zu - wobei wir voraussetzen dürfen, dass diese Privilegierten genau wissen, wie sie gewaltsame Folgen für sich selbst vermeiden. In Einzelfällen mag auch eine schlichte Gewaltbesessenheit vorliegen, die sich als Amoralismus tarnt.

Genau davon lebt die konservative Revolution: Vom Pathos des ´knallharten Realisten´, der zu sein man vorgibt gegen die vorgeblichen ´gutmenschlichen, moralinsauren Traumtänzereien der naiven Linken´...und vom Pathos des ´Willens-Menschen´, des ´Vereinzelten´, der sich dem Beliebigkeits-Lari-Fari der Moderne, dem entsetzlichen talk-show-blabla entgegenstelle und sich zu "Stil und Haltung" erziehe.

Dabei dürfen wir nicht unterschlagen, was diese Ansätze ausmacht: Seinem Leben Stil geben ist ein attraktives Lebenskonzept. Es ist allemal attraktiver als so endlose wie gespenstische Debatten über das große I in "StudentIn". Ein gewisser Realismus ist attraktiv - und allemal attraktiver als peinliche und haltlose Politprojektionen in irgendwelche idealisierten Gruppen (die Arbeiterklasse, das unterdrückte Geschlecht, der Trikont, die Juden, die Immigranten, die Erwerblosen oder gottweißwer), bei denen die "Engagierten" meistens ja doch bloß ihre eigenen Identitäts-Probleme entsorgen wollen. Ein gewisses Bekenntnis zum Selbstwiderspruch ist attraktiver als neopietistische Politselbstzerknirschung oder die selbstgefällige Pose des schwungvoll artikulierten Anklägers. Es ist vor allem redlicher! Hier hat die an Nietzsche geschulte Moralkritik schlicht und einfach Recht.

Die Linke hat das alles nie begreifen wollen. Hätte sie über diese Punkte einmal reflektiert, ihre fehlerhaften Konzepte analysiert, über Rühmkorfs Warnungen vor dem "linken Rohrstock" einmal nachgedacht - und ich rede wie Rühmkorf nicht nur von taktischen Fehlern, obwohl die volle moralinsaure Breitseite natürlich auch taktisch unklug ist, damit gewinnt man nunmal nichts -, ihr wäre vielleicht manche Niederlage erspart geblieben. So aber kassieren Leute wie Matussek, die jetzt monströs "Disziplinarmaßnahmen" einfordern, auch noch ab. Mit ein wenig antikapitalistischer Rhetorik mühsam aufgeladen - auch hierin gleicht das heutige konservative Movement der konservativen Revolution der 20er Jahre -, gelingt es ihnen, dem Publikum die postmoderne Privilegien- und Ständegesellschaft schmackhaft zu machen. Gegen diesen lifestyle - möge er auch aus Pappmache sein, was er ja ist - hat schmallippige linke Körperfeindschaft und Freudlosigkeit nicht den Hauch einer Chance. Und sogar zu Recht nicht.