Sehr geehrte Damen und Herren,

Morgen (Do, 19.03.) wird, wie SpON heute schreibt, Frankreich lahmgelegt. Unsere westlichen Nachbarn sind, begrüßenswerter Weise, ganz offenbar nicht mehr bereit, sich von der neoliberalen Machtelite noch länger veralbern zu lassen.

Bei uns aber - Ruhe. Ruhe indess ist derzeit wahrlich die allerletzte Bürgerpflicht - selbst die FAZ (Nils Minkmar) notiert "Es ist viel zu ruhig". Denn es sind Ihre Lebensperspektiven, um die es geht.

Ich habe eine einfache Bitte an Sie:

Kommen Sie bitte am 28.3. auf die Demonstrationen in Frankfurt oder Berlin. Versuchen Sie alles, dabei zu sein. Organisieren Sie Fahrgemeinschaften - vielleicht per Wochenendticket der Bahn - oder nehmen Sie die Busbörse wahr.

Sprechen Sie mit Ihren Bekannten, Verwandten, Freunden. Wir müssen uns jetzt deutlich Gehör verschaffen.

Ich wende mich mit dieser Bitte nicht an die üblichen Verdächtigen. Denn die beiden Demos werden wenig nutzen, wenn immer nur dieselben protestieren. ich wende mich gerade an die, die bis jetzt vielleicht "igitt" dachten, wenn sie das Wort "Demo" hörten.

Ich wende mich an Sie und an Sie, an die Mehrheit, an die, die dem Treiben in Berlin, den fast schon unglaubwürdigen Zahlen, die da derzeit im Raum stehen, fassungslos und vielleicht auch etwas gelähmt zusehen.

An den 53jährigen Werkzeugmeister, der über 30 Jahre die Bordrunden geschmissen hat und der jetzt knallhart auf die soziale Endmülldeponie Hartz IV verklappt zu werden droht. Auch an die one-woman-show Rechtsanwältin und andere ´kleine´ Selbständige, die bis dato aus Versehen FDP gewählt haben und jetzt im Zuge der Krise auf einmal merken, dass man sie abservieren wird, dass sie ja gar nicht zur sog. "Elite" gehören, dass sie überflüssig sind. An die studierte Personalentwicklerin mit gut dotiertem Job, die ratlos zur Kenntnis nehmen muss, dass man bei den "soft skills " zu allererst spart. An die Krankenschwester, den Altenpfleger, die im Rahmen der "Privatisierung und "Flexibilisierung" des Gesundheitswesens immer wieder nur in die Reform-Kasse eingezahlt haben, nie rausbekamen, und die jetzt so langsam Schwierigkeiten mit ihrer Miete bekommen (vielleicht, weil ihre Mietwohnung privatisiert wurde). An den wissenschaftlichen Mitarbeiter, dessen Zeitvertrag trotz mündlicher Zusage nicht verlängert wird, weil "wir" ja "alle den Gürtel enger schnallen müssen". Ja, ich wende mich sogar an den Bänker, der jetzt seinen Job verlieren wird - vielleicht, weil seine Zahlen in den letzten Jahren nicht stimmten, vielleicht, weil er den Betrug nicht restlos mitmachen wollte. An die TZ-Lehrerin, die keine VZ bekommen wird, obwohl sowohl sie als auch der Bildungsbereich es bräuchte. An den kurzgehaltenen Büroangestellten einer 3-Mann-Klitsche mit außertariflichem Vertrag, der seit 5 Jahren keinerlei Lohnerhöhung mehr bekommen hat. An den Arbeit"nehmer", der in eine ZAF gedrängt wurde, VZ arbeitet, dennoch ergänzendes ALG2 beantragen muss und sich dafür auch noch verhöhnen lassen darf als jemand, dessen Marktwert (haha) eben so gering sei, dass ihn andere alimentieren müssten - als sei es nicht in Wahrheit Hartz IV, das den "Markt" hier verzerrt (die Neoliberals waren nie für einen schwachen Staat. Sie waren immer für einen starken Staat - sofern der auf ihrer Seite ist...).

Ich wende mich, kurz gesagt, an alle, die bis dato vielleicht wirklich irgendwie glaubten, Hartz IV sei etwas für schnapssaufende Fauljaks, sie selber als Mittelstand beträfe das ja gar nicht, an die, denen es bis jetzt noch gut ging und die ihre Interessen bis vor kurzem bei Markwort, Aust, Diekmann, di Lorenzo formuliert fanden - und die nun auf einmal merken, dass sie in den Augen unserer neoliberalen Macht- und Funktionselite in der Tat nichts anderes sind als "Kostenfaktoren auf zwei Beinen".

Ich wende mich an die, die sich so langsam fragen, warum sie eigentlich (etwa hier in Hamburg unter schwarz-grün) Büchergeld und Studiengebühren zahlen müssen. (Falls Sie in Hessen studieren: Dort müssen Sie derzeit keine Studiengebühren zahlen. Es lohnt sich, einmal zu recherchieren, wem Sie das verdanken! Auch in Rheinland-Pfalz, beim tumben, dummen Kurt Beck, müssen Sie übrigens nicht zahlen...Man könnte darüber ja mal nachdenken, warum das so ist.)

Ich wende mich an die, denen ganz langsam gewahr wird, dass sie mitgemeint sind, wenn unfähigen Bänker-Versagern Milliarden hinterher geworfen werden (entweder direkt wie bei der Commerzbank, oder indirekt wie beim Versager und Nichts-Könner Ackermann), wenn Straftäter wie Peter Hartz oder Klaus Zumwinkel im Portokoassenbereich bestraft werden, während einer Kasiererin, die 31 Jahre tadellos gearbeitet hat, nicht etwa wegen 1,30, sondern wegen mutmaßlicher 1,30 - das muss man sich mal vorstellen! - die wirtschaftliche und soziale Existenz zerstört wird.

Der eine oder andere von Ihnen ist vielleicht schon mit den Auswirkungen der Krise konfrontiert, leistet derzeit Kurzarbeit, hat erste Erwerblose im Bekanntenkreis. Dabei, ich darf es Ihnen glaubhaft versichern, wird es nicht bleiben. Nicht der wohlsituierte Coupon-Schneider Guttenberg wird diese Krise bezahlen, nicht seine Lebensperspektiven werden zerstört werden - sondern Ihre, wenn wir jetzt nicht aufpassen. Nicht Frau von der Leyens Kinder werden um ihre Zukunfts-Chancen gebracht - Frau von der Leyen hatte immer schon genug Ressourcen -, sondern im Zweifelsfall Ihre. Darum geht es. Und darum - ich finde: Vor allem auch darum! -, dass nicht nur in den reicheren Ländern dieser Erde Millionen um ihre Lebensperspektiven gebracht werden, sondern dass im Trikont Millionen zusätzlicher (zusätzlicher! ja, zusätzlicher!) Hungertoter erwartet werden müssen.

Genau deswegen benötigen wir eine sehr deutliche gesellschaftliche Debatte: Was und wer hat dieses Desaster verursacht, wer trägt die Kosten, wer will in der Krise etwa noch abkassieren! Und lassen Sie sich hier von den Trittbrettfahrern der Krise keine abgrundtief falschen Antworten aufschwatzen. Lassen wir uns nicht gegeneinander ausspielen. Der portugiesische Bauarbeiter, der ungarische Schlachthofarbeiter sind es mit Sicherheit nicht gewesen (und da hier auch die NPD mitliest: "Die Juden" waren es, wie immer, natürlich auch nicht...). Auch die böse Wall Street, auch die bösen Zocker in Frankfurt waren es nicht allein. Die hatten Helfer und Helfershelfer. Dass sich heute ein Herr Steinbrück, eine Frau Merkel durch billiges Zocker-Beschimpfen aus der Verantwortung stehlen können ist ein Witz! Und zwar ein ganz schlechter...

Kommen Sie zu den Demonstrationen in Frankfurt/Main oder in Berlin.

Sorgen Sie dafür, dass diejenigen, die nicht zu den Nutznießern - wie etwa Ackermann, Merkel, Hartz, Zumwinkel und Steinbrück -, sondern den Zahlmeistern des neoliberalen Zeitalters gehörten und weiterhin gehören sollen - also die Mehrheit! also unter anderem zB meine Familie, ich und vor allem Sie! - sich dort sehr deutlich Gehör verschaffen. Wir fordern Rechenschaft!

Bitte verbreiten Sie diesen Aufruf in Ihrem Bekanntenkreis. Kommen Sie! Wachen Sie auf. Lassen Sie uns ab 28.03. mal so richtig Lärm machen! Bei unseren französischen Nachbarn und Freunden lernen heißt Protest lernen! Auch der Generalstreik darf nicht mehr außerhalb unserer Perspektive sein. Die Herrschenden und ihre bezahlten oder unbezahlten Jubelperser (letzteres ist übrigens restlos mitleiderregend) sollen merken, dass wir uns nicht mehr alles erzählen und vor allem nicht mehr alles gefallen lassen!