Die Selbstverständlichkeiten im Vorwege (wir leben in Deutschland, da muss man die Banalitäten immer mit dazu sagen): Wir müssen nicht über Kinderficker reden. Kein Mensch, der moralisch noch einigermaßen funktioniert, verteidigt das Kaputtficken von Kindern.

Es gibt beim "Fall Tauss" - ich nenne ihn mal so - dennoch einige Ungereimtheiten, die mir aufallen:

Anfang 2008 sind die Ermittler auf den besagten Bremerhavener gestoßen. Erst im Juli 2008 wurde durchsucht, der Beschuldigte soll sich sich sofort kooperativ gezeigt haben. Was heißt das? Hat er als agent provocateur fungiert, als V-Mann? Das wäre zunächst einmal ein legitimer Ermittlungsansatz, sicher. Aber V-Männer sind eben immer auch problematisch. Dies Diskepanz zwischen Anfang 2008, als der Ermittler auf den 29jährigen stießen, und Juli 2008, als endlich durchsucht wurde, finde ich nicht nachvollziehbar. Es dürfte gerade bei solchen Sachen ja wohl so etwas wie Gefahr im Verzuge vorliegen. Der Kontakt zwischen Bemerhaven und Tauss - wenn es ihn denn gegeben hat - soll bis Mitte 2008 bestanden haben. Das wäre dann schonmal ziemlich fragwürdig...Mag ja sein, dass die Ermittler den Beschuldigten erst nochmal einige Monate observiert haben, um seine Kontakte herauszurecherchieren. Dann aber sollten sie frühzeitig auch auf Tauss gestoßen sein, der mit ihm ja angeblich so eifrig kommuniziert hat. Auf Tauss aber wollen sie erst im Juli gestoßén sein - ein Widerspruch?

Ferner: Die Diskrepanz zwischen Juli 2008, als Tauss spätestens auf dem Radarschirm der Ermittler auftauchte, und März 2009 ist mir nicht nachvollziehbar. Ist er abgehört worden? Wenn "Ja": Was für spannende Dinge neben den Ermittlungen haben sich bei einem Bundestagsabeordneten, und zwar bei einem mit einem solchen Themenspektrum!, da denn noch ergeben?

Sodann: Die Staatsanwaltschaft bestreitet vehement, vorverurteilt zu haben. Ich bin kein Jurist. Von deutscher Sprache, frech nehme ich es für mich in Anspruch, verstehe ich aber einiges. Die sprachlichen Äusserungen der Staatsanwaltschaft waren eindeutig: Natürlich hat sie seit Donnerstag massiv vorverurteilt; Tauss´ Anwalt hat völlig Recht. Das kann doch gar nicht steitig sein. Und die Medien sind ihr natürlich gefolgt. Am Donnerstag Mittag - ich habe es online auf Arbeit verfolgt - kommt die Nachricht raus, Sonnabend ist er de facto und für die Öffentlichkeit im Grunde schon verurteilt. Das geht mir zu glatt, zu schnell. Da werfe ich nicht den 300sten Stein. Übrigens: SpON scheint über Ermittlungsinterna zu verfügen. Auch fragwürdig.

Es geht mir nicht um einen Freispruch für Tauss. Aber die Frage, ob er selber solche Bilder goutiert hat (und dann Strafe und Therapie zu erwarten hat) ist völlig unabhängig zu sehen von der Frage, ob da jemand Material gegen einen politischen Konkurrenten gehortet hat, um es passgenau zu lancieren.

Tauss hat als unschuldig zu gelten, bis ein rechtskräftiges Urteil erfolgt ist. Alles ist möglich. Natürlich ist es möglich, dass er berufliche Gründe vorgschützt hat, um seiner "Leidenschaft" zu fröhnen - bei dieser Art von Kriminalität ein keineswegs ungewöhnliches Täterverhalten. Okay, dann kommt es zum Verfahren und zum Urteil. Möglich ist auch - dann wäre er allerdings ein Dussel, wenn er sich nicht abgesichert hat -, dass er sich in völliger Selbstüberschätzung in die Recherche stürzte. Möglich ist aber auch, dass er - es gibt da tausend Möglichkeiten - völlig unschuldig in die Sache reingestolpert ist, vielleicht auch wirklich hereingelegt wurde. Erinnert sich einer noch an Pete Townshend, the who? Ich muss das jetzt mal ausgiebiger zitieren:

Anfang Januar 2003 gab Townshend zu, seine Kreditkartennummer im Internet bei einem kommerziellen Kinderpornografie-Angebot eingegeben zu haben. Seinen Aussagen zufolge habe er die Bilder dort nur aus Forschungszwecken betrachtet. Dieses Geständnis legte er ab, nachdem der Vorgang im Rahmen der Operation Ore, einer groß angelegten Razzia gegen Kinderpornoringe, entdeckt wurde. Im Mai 2003 erhielt er von der Polizei eine Verwarnung (deren Annahme technisch gesehen ein Schuldeingeständnis ist). Die Polizei entschied jedoch, keine Anklage zu erheben, nachdem man keinen Beweis dafür gefunden hatte, dass Townshend im Besitz von Kinderpornos war. Statt dessen wurde Townshend für fünf Jahre auf das Sex Offenders Register gesetzt, das ihm zur Auflage macht, sich einmal im Jahr und bei Umzug bei der Polizei zu melden. Ein Verstoß gegen diese Auflagen ist mit einer Haftstrafe bis zu fünf Jahren verbunden. Mehrere Organisationen gegen Kinderpornografie, unter anderem die „Phoenix Survivors“, haben gegen die Aufnahme Pete Townshends in das „Sex Offender Register“ protestiert, mit der Begründung, Unschuldige in diese Liste aufzunehmen, würde diese Liste ad absurdum führen. Inzwischen hat sich die „Operation Ore“ als Fehlschlag herausgestellt. Die Sunday Times berichtete am 3. Juli 2005, dass unabhängige Experten die beschlagnahmte LANDSLIDE-Webseite rekonstruiert, doch keinerlei Kinderpornografie gefunden hätten.

Bleibt die platte Frage, warum Townshend dann etwas zugegeben hat, was er objektiv nicht gemacht haben kann!

Tja: So ist der Mensch. Nur Hein Dussel weiß nicht, dass es sehr wohl Situationen gibt, in denen man sich - zB als Gemobbter, massiv unter Druck Gesetzter - "schuldig" bekennt, obwohl man es objektiv nicht ist. Fragen Sie mal einen erfahrenen Kriminalisten zu einem der psychologisch interessantesten Probleme der Kriminalistik, zum Problem des falschen Geständnisses...

Ich sage nicht, Tauss ist unschuldig, ich sage nicht er sei schuldig. Ich finde es aber merkwürdig, dass jemand, der sich - diese Position ist übrigens unabhängig von seiner Schuld völlig richtig! - gegen Internetzensur eingesetzt hat, der immer davor gewarnt hat, mithilfe des Dummys "Kinderficken" bürgerliche Freiheitsrechte einzuschränken, jetzt mit diesen Vorwürfen konfrontiert wird, und zwar auf eine Art, die ich hochproblematisch finden muss.