Albrecht Müllers heutige Beobachtung veranlasst mich, noch einmal einige grundlegende Dinge zum Begriff "Manipulation" klarzustellen. Wer hier regelmäßig mitliest, wird kaum Neues erfahren.
Um es noch einmal klar zu sagen: Die massive Manipulation zugunsten neoliberaler Sichtweisen kann nicht sinnvoll bestritten werden. Und diese Manipulation verwendet in der Tat, worauf Müller zutreffend hinweist, insbesondere das ad nauseam Verfahren: Einfach immer und immer und immer wieder, aus möglichst verschiedenen Ecken, das gleiche drauflosbehaupten, irgendwann verwandelt sich der ausgestreute Verdacht in eine "Tatsache", denn da "muss dann ja was dran sein". Ferner operieren die neoliberalen Spin-Doctors im Zweifelsfall einfach mit offenen Unwahrheiten. Ich wiederhole mich gerne: Wenn die INSM sogar in die Scripts von Vorabendserien hineinredigiert, wenn bei Maischberger Hartz-IV-Fakes vorgeführt werden, wenn Ypsilanti aufgrund einer läßlichen und dauernd vorkommenden politischen "Sünde" (ein bißchen Kolationsflunkerei a la Merkel 05 oder Goetsch 08) mithilfe einer monatelangen Kampagne kaputt gemacht wird, als ginge gerade das Abendland unter, wenn diverse linke Denker und Künstler, Chomsky z.B., Paech oder auch Rühmkorf, mithilfe glatter Lügen, glatter Falsch-Zitate und Verleumdungen zu "Antisemiten" inszeniert werden (die Vernutzung von Auschwitz: gespenstisch!), dann findet in der Tat Manipulation statt. Und zwar eine Manipulation, deren Umfang, Methoden und vor allem auch menschliche Niedertracht schlicht bestürzend sind.
Von Zufällen kann hier im Ernst nicht mehr die Rede sein. Ich weiß nicht, ob in der Medienszene Eigendynamiken ablaufen, ob dort Spin-Doctors methodisch Kampagnen fahren oder ob eine Mixtur aus Beidem vorliegt - vermutlich letzteres -, aber Zufälle sind das nicht mehr. Ich halte in Teilen sogar Vorgänge a la "Kongress für kulturelle Freiheit" für möglich; auch, wenn das vorderhand spekulativ bleiben muss. Und wer eine kritische Auseinandersetzung mit solchen Manipulationen mit dem pawlowsch abgesonderten Begriff "Verschwörungsparanoia" abweisen will, sollte eher mal die eigene Optik auf verschwörungstheoretische Inhalte und Überflutungsphantasien befragen ("Die Linke will alles unterwandern..." etc).
Wenn ich mit Abrecht Müller dennoch etwas kritisch umgehen will, betrifft das also keineswegs seine Entlarvungen. Hier leisten die nachdenkseiten seit Jahren einen wichtigen Beitrag zur Aufklärung; im Web vermutlich sogar den wichtigsten. Soweit ich weiß, hat nicht einer der Demaskierten geklagt - vermutlich deswegen wird Müller immer wieder zum Verschwörungsirren gelabelt: Er arbeitet einfach zu präzise, und so müssen die enlarvten Spin-Doctors zu ihren erprobten PR-Methoden greifen. Müller ist kein Verschwörungsirrer. Seine Entlarvungen stimmen. Punkt.
Mich stört alleine etwas anderes: Der immer wieder zu spürende Glaube an das im Grunde gute und eben nur, ach, leider!, missleitete Volk. Dieser Glaube an das Volk, an das Gute - ein Glaube, der allen Aufklärern eignet, der Glaube an Rousseaus volonte generale - ehrt ihn. Und das meine ich nicht gönnerhaft. In den Erinnerungen an seinen Bruder Klaus schrieb der skeptisch-konservativ gestimmte Golo Mann, die gläubige Haltung seines linken Bruders sei die "an sich noblere". Eben. Das meine ich völlig unironisch.
Wir leben in einer Gesellschaft, deren formierendes Moment der Apell an den Egoismus des Einzelnen ist. Mit diesem Apell wird jeder in ihr korrumpiert. Es ist richtig: die Verantwortung eines Steinbrück, einer Merkel, eines Ackermann, eines Henkel muss deutlich werden. Sie haben die Macht. Dennoch dürfen wir strukturelle Momente nicht unterschlagen. Indem diese Gesellschaft per sozialer Vererbung den dynamischen FDP-Junglehrer, die Arbeitsvermittlerin, den Kleingärtner, den ortsansässigen Literaten immer wieder mit verstrickt, schafft sie einen Teufelskreis. Denn um in dieser Gesellschaft überleben zu können, muss man sich - in moralischen Kategorien ausgedrückt - zumindest ein bißchen mitschuldig machen. Persönlich angemerkt: In seinen Anmerkungen zum "Besuch der alten Dame" notierte Dürrenmatt: "Der Autor: Schrieb als Mitschuldiger", und das gilt natürlich auch für den Verfasser dieser Zeilen.
Nun weiß ich, wie gefährlich es ist, wenn ich mich auf einen Standpunkt zurückziehe, den man etwa so ausdrücken könnte: Wir alle seien Claire Zachanassians und Alfred Ills und anständige Güllener Bürger in einem... Denn, wie Hannah Arendt es so herrlich schrieb: Wo alle schuldig sind, ist es natürlich niemand! Ackermann, Henkel, Steinbrück sind schon um Dimensionen schuldiger am und verantwortlicher für das Desaster, als der dynamische FDP-Junglehrer, der sich zum Neoliberalismus hat beschwatzen lassen. Bei dem können wir noch auf Einsicht hoffen. Und Robert Kurz und andere "Post-Marxisten" sollten sich schon kritisch befragen lassen, warum ihre rein-strukturalistische Sicht der Dinge von Rechts-Luhmannianern wie H.W.-Sinn klammoffen jubelnd geteilt wird. Dennoch ist der strukturalistische Aspekt ein wichtiger Aspekt - nicht der alleinige, da gingen wir dann Fehl in der Analyse. Selbstredend ist es richtig, die persönliche Verantwortung der Zocker ins Spiel zu bringen. Aber wir dürfen das Desaster andererseits eben auch nicht - a la BILD, siehe die heutige Schlagzeile - auf die pöhsen Zocker reduzieren. Es muss erlaubt sein, zu sagen, was alle Welt weiß: Dass alle im Rahmen ihrer Möglichkeiten eben auf ihre Art mitgezockt haben. Vom gut situierten oberen Mittelstand, der 150.000 Euro bei Kaupthing angelegt hat und Vorsorge dafür traf, die Steuer um die Zinserträge zu bescheissen, bis zu Kleingärtner-Kleinbürgern, die sich untereinander die Schwarzarbeit zuschranzten: Die sind alles mögliche, aber mit Sicherheit keine hehren, reinen, unschuldigen Opfer der Zocker.
Wer denkt bei diesen Problemen nicht an Brechts berühmte - zu Recht berühmte - Keuner-Geschichte von den Maßnahmen - Plural! - gegen die Gewalt. Alle Momente dessen, was uns derzeit bewegt, ist - literarisch genial - in diesem kurzen Prosa-Stück zusammen gefasst. Ich zitiere die entscheidende Passage vollständig:
Und Herr Keuner erzählte folgende Geschichte: In die Wohnung des Herrn Egge, der gelernt hatte, nein zu sagen, kam eines Tages in der Zeit der Illegalität ein Agent, der zeigte einen Schein vor, welcher ausgestellt war im namen derer, die die Stadt beherrschten, und auf dem Stand, daß ihm gehören soll jede Wohnung, in die er seinen Fuß setzte, ebenso sollte ihm auch jedes Essen gehören, das er verlange; ebenso sollte ihm auch jeder Mann dienen, den er sähe.
Der Agent setzte sich in einen Stuhl, verlangte Essen, wusch sich, legte sich nieder und fragte mit dem Gesicht zur Wand vor dem Einschlafen: "Wirst du mir dienen?"
Herr Egge deckte ihn mit einer Decke zu, vertrieb die Fliegen, bewachte seinen Schlaf, und wie an diesem Tage gehorchte er ihm sieben Jahre lang. Aber was immer er für ihn tat, eines zu tun hütete er sich wohl: das war, ein Wort zu sagen.
Als nun die sieben Jahre herum waren und der Agent dick geworden war vom vielen Essen, Schlafen und Befehlen, starb der Agent.
Da wickelte ihn Herr Egge in die verdorbene Decke, schleifte ihn aus dem Haus, wusch das Lager, tünchte die Wände, atmete auf und antwortete: "Nein."
Das ist es. Die Dialektik von persönlicher Verstrickung - er arbeitet ja 7 Jahre für die Gewalt - und Widerständigkeit...brillant zusammengefasst. Zu...je nun...schlechter?...guter?...Letzt ist Brecht hier ironischer Weise Idealist, Schillerianer. Denn ein innerliches "Nein" soll eine Maßnahme gegen die Gewalt darstellen? Das kann gut-materialistischer Weise schlecht sein, oder? Dennoch trifft Brechts Geschichte zu. Dem Protagonisten - es ist interessanterweise hier eben nicht Herr Keuner, sondern Herr Egge (ein landwirtschaftliches Gerät, er sät etwas...) - bleibt keine andere Möglichkeit, Widerstand zu leisten, als allein dadurch, das innere Strammstehen zu vermeiden. Egge dient der Gewalt - aber mehr auch nicht, er entwickelt keine Eigeninitiative, er selber will nicht aufsteigen, passt sich nicht an, ist sich über den Unrechtscharakter dessen, was da vor sich geht, jederzeit im Klaren. Indem er den Befehlen der Gewalt folgt, läßt er die Gewalt an ihren Selbstwidersprüchen zerschellen. Widerstand ist das nicht. Aber eine Haltung! Und das genügt.
Genau damit grenzt sich diese Geschichte von jenem Bürgertum ab, das eben nicht nur zähneknirschend mitmachte 1933-45 (was alle Welt verstanden hätte, wie Hannah Arendt im Gauss-Interview noch einmal klar stellte), sondern eben fatalerweise vor allem innerlich begeistert mitmachte! Das ist der Punkt. Und sowenig man Neoliberalismus und Nationalsozialismus ineins setzen kann - das wäre nichts anderes als Holocaustleugnung! - ....die sozialen und psychischen Mechanismen, mit denen Legitimation hergestellt wird, sind natürlich vergleichbar. Jede Gesellschaft stellt Legitimation her dadurch, dass sie ihre Mitglieder in ihre Fragwürdigkeiten verstrickt. Und jede - gehe es nun um Millionenmord oder um kaugummi-Diebstahl im Vollsuff - lebt davon, dass ihr diese verstrickung gelingt.
Dem Neoliberalismus, also seinen Protagonisten, ist es sehr weitgehend gelungen, die Mitglieder dieser Gesellschaft zu verstricken. Sein postmoderner Sozialdarwinismus war die tief wirkende Metapher dieser Gesellschaft seit eineinhalb Jahrzehnten. Fast alle haben daran geglaubt - und partizipiert. Genau deswegen gelingt es den Neoliberals, die Verantwortung für das Desaster abzuspalten - und sich selber, vielfach als Brandstifer vorbestraft, zur Feurwehr umzulabeln.
Babette Was hast Du denen gegeben? ich habs gesehen! - Streichhölzer?
Biedermann: Warum nicht!
Babette: Streichhölzer?
Biedermann: Wenn die wirkliche Brandstifter wären, du meinst, die hätten keine Streichhölzer? ...Babettchen, Babettchen!
Die Standuhr schlägt, Stille, das Licht wird rot(...) (Frisch, Max, Biedermann und die Brandstifter, Schluss-Szene vor dem Chor)
Genau so ist es. Wir tuen, das wäre mein freundschaftlich gemeinter Einwand gegen Müller, niemandem einen Gefallen, wenn wir diese Einsichten zugunsten ein paar öder Augenblickserfolge preisgeben. 2005 waren die widerwärtigen Demütigungen, die mit Hartz IV verknüpft waren, offenkundig. Ergebnis? 90 % pro Hartz IV. Inzwischen ist das neoliberale Desaster offenkundig. Ergebnis, in Wahlen (Hessen) wie Umfragen? 70 (wenn wir die hessische SPD mal als anti-neoliberal bezeichnen) bis 88 % pro neoliberal! Längst liegen alle relevanten Infos vor; die nicht mehr gut zu erklärende Geschichte rund um die 5-Jahres-Frist HRE ist bekannt, und sogar die FAZ (die FAZ!!!) fragt vorsichtig nach dem Staatsanwalt. Alle sind empört, sogar - ich weiß, wovon ich hier rede - das auf die Union abonnierte ältere Bildungs- und Besitzbürgertum Adenauerscher Prägung. Dennoch haben die politischen Vertreter der Neoliberalen eine komfortable Mehrheit. Über dieses Phänomen - das mich schlussendlich genau so ratlos macht wie Albrecht Müller - müssen wir reden.
"Rein-strukturalistische Sicht" ist natürlich Unfug. Damit wirst du Kurz und der Wertkritik nicht gerecht. Zum Thema des Subjekts und der Herrschaftstheorie hat sich Kurz schon 1993 ausgelassen in dem Artikel "Subjektlose Herrschaft" (zu finden in "Blutige Vernunft").