Wer - in welcher Form auch immer, als Opfer oder als Beobachter, sogar ein einsichtiger Mittäter käme in Betracht - schon einmal mit Mobbing zu tun hatte, der weiß: Kein Selbstwiderspruch, keine Ungereimtheit, keine Absurdität ist so groß, dass sie die mobbende Hetzmeute veranlassen könnte, mal inne zu halten, mal über sich selbst nachzudenken, sich zu hinterfragen, in welchem Spiel man, und sei es ungewollt, hier mit spielt...

Die seit dem 3. November bekannte und harmlose Handy-Geschichte - einige SPD-Abgeordnete wollten ihre eigene Stimmabgabe dokumentieren, albern! - wird jetzt aufgewärmt, mit einem Spin versehen und so präsentiert, als habe man sensationelle neue Tatsachen herausrecherchiert. Dabei schreckt die PR-Maschine auch vor den absurdesten Selbstwidersprüchen nicht zurück. Etwa, wenn auf rp-online.de die Artikelüberschrift

SPD-Rebellin bestätigt Handyfoto-Gerüchte

lautet, während wir im Text selbst verblüfft lesen:

Sie selbst (Silke Tesch, h.f.) sei aber von niemandem aufgefordert worden, ihr Abstimmungsverhalten per Handyfoto festzuhalten.

Indem Tesch bestätigt, nicht unter Druck gesetzt worden zu sein, bestätigt sie also, unter Druck gesetzt worden zu sein...wie grotesk muss ein Selbstwiderspruch eigentlich sein, bis man einmal aufwacht?

Nun ist dieser Selbstwiderspruch kein Zufall. Soziologisch betrachtet handelt es sich ja bloß um eine Variante jener bürgerlichen Verlogenheit, die immer schon die eigenen Privilegien und Machtbegehrlichkeiten als Ausdruck hehrer Selbstlosigkeit ins Spiel zu bringen wusste, während sie beim Nachweis tatsächlicher oder auch nur vermeintlicher Widersprüche ihrer Gegner viel gehässigen Scharfsinn an den Tag legt. Die Geschäftsgrundlage von Spin-Doctors besteht in nichts anderem als im Inszenieren dieses Spiels. Allerdings war die Kampagne gegen Ypsilanti dann doch von besonderer Qualität, weil die Verlogenheit so offenkundig war - und fast nirgends thematisiert wurde. Eben jene politischen Kreise, die etwa aus dem Wortbruch der GAL in Hamburg (Christa Goetsch hatte vor der Wahl bekanntlich sogar Koalitionsverhandlungen explizit ausgeschlossen) ihren Nutzen zogen, eben jene, deren dubiose "jüdische Vermächtnisse" bis heute nicht restlos geklärt sind, inszenieren ihre Kampagne gegen Ypsilanti als herostratische Tat, als Waffengang einsamer St. Georgs-Ritter, als Aufstand von Anstand, Recht und Menschenwürde gegen die Machtgeilheit einer roten Hexe. Bin ich denn wirklich der einzige, der von dieser miesen, verlogenen Schmiere ganzkörperlich angeekelt ist?

Vor einigen Monaten schon fand sich in der FR ein interessanter Beitrag, in der die Kampagne gegen Ypsilanti im wesentlichen als Kampagne gegen eine erfolgreiche und durchsetzungsfähige Frau verstanden wurde, vor der die Herren Platzhirschen Angst hätten. Aber das war sie nicht - auch, wenn misogyne Metaphern zweifellos eine Rolle gespielt haben, als es galt, Ypsilanti zur roten Hexe umzulabeln. Denn gegen Christa Goetsch gab es keine ähnliche Kampagne. Es ging schon um politische Inhalte, es ging um Ypsilantis Versuch, dem neoliberalen Mainstream etwas entgegen zu setzen. Kein Mensch hätte Ypsilanti angegriffen, wenn sie sich entschieden hätte, eine weitere blasse oder meinethalben auch nicht so blasse stellvertretende SPD-Ministerpräsidentin abzugeben.

Solche Kampagnen hat es natürlich immer schon gegeben. Man lese mal Bölls essayistisches Werk der 60er und 70er Jahre wieder (man sollte überhaupt hin und wieder einmal zu Böll greifen). Was so neu ist: Böll konnte sich damals - ich möchte die üblen Kampagnen gegen ihn keineswegs verkleinern ("Sympathisant") - immerhin noch darauf verlassen, dass liberale und sozialdemokratische Medien, die ZEIT etwa, die Frankfurter Rundschau oder der SPIEGEL, ihm die Stange hielten. Diesmal jedoch haben so gut wie alle mitgemacht bei der Treibjagd. Und damit erinnert die Kampagne sehr fatal an die McCarthy-Ära. In jeder Hinsicht.

Nur eine Frage habe ich noch, und vielleicht kommt der eine oder andere Skribent ja doch zur Besinnung, eine Frage hätte ich gerne noch geklärt: Macht es eigentlich Spaß, auf jemanden einzutrampeln, der bereits am Boden liegt? Bereitet es inneres Vergnügen? Oder macht man sowas aus anderen Gründen?