Erst Pflasterstrand, dann taz, dann das...muss ich das kommentieren?

Mich wundert da nichts. Und um - hier unvermeidbar - unbescheiden zu werden: Ich habe den linken Rrrrrevolutionsmetaphysikern, den Heilsgläubigen, der linken Magermilch diese persönliche Entwicklung schon vor 20 Jahren auf den Kopf zu gesagt, als ich Camus´ Warnung vor der totalen Geschichtlichkeit (die eine letztlich unpolitisch-religiöse Haltung sei; die Bereitschaft, konkrete Menschen dem eigenen Gewissen, der eigenen, per Revolte gewonnenen Identität zu opfern) verteidigte. Im übrigen hat Mohr sich keineswegs "geändert". Er hat lediglich das Kollektiv getauscht, dem er sich unterwirft aka das er führen will, und in dem er seine Sehnsucht nach Identität spiegelt. Ganz konsequent sind (Ex)-"Linke" wie Mohr weiterhin bereit, Menschen für ihre eigene Identität über die Klinge springen zu lassen - nur das dort, wo vor 20, 30 Jahren noch eine revolutionäre Bereitschaft zur Gewalt bestand (meistens auch nur lallend auf Studentenpartys behauptet wurde), heute Hartz-IV-"Gesindel" (Clement: Schmarotzer) verhöhnt werden muss. Offenbar ein Akt bürgerlicher Heimkunft: man war ein bißchen links - sehr von oben herab -, und darf jetzt die Gutsherrensau wieder ganz direkt rauslassen. Alles ist bestens - nur das "endemische Gejammere" der bösen Linken will uns die Lebensfreude in der besten aller Welten nehmen. Wer immer noch nicht verstanden hat, warum es schwarz-grün gibt - er lese diese widerwärtige Aufforderung zum Herrenmenschencynismus. Fahnenschwenken inklusive. Und auch da hat Mohr einfach nur die Fahne umgespritzt, hat nicht begriffen oder will es nicht, dass es darum geht, Fahnen überhaupt zu entsorgen. Patriotismus (ob nun für "Deutschland", die "Arbeiterklasse" oder die nicht existente "arische Rasse") war, ist und bleibt mit Wiglaf Droste die Religion für arme Schweine. Ich füge hinzu (Droste würde sicherlich zustimmen): Arme Schweine können gemeingefährlich sein!

Vielleicht ist Mohr dabei subjektiv sogar ganz aufrichtig. Er weiß vermutlich wirklich nicht, dass es - zum Beispiel in Familien, denen die ARGE eine Sanktion hat reinschikanieren können - echten Hunger gibt. Und er, privilegiert, wie er ist, weiß vermutlich auch nicht, wieviel Selbstwert verloren gegangen sein muss, bevor man sich zur "Tafel" verfügt. Er und seinesgleichen dürfen es nicht wissen, da ihr ideologisches Konstrukt sonst zusammenbräche. Sie glauben vermutlich wirklich, alle Erwerbslosen seien schnapssaufende Ranzocker. Es steht sogar zu befürchten, dass Mohr ganz ernsthaft an einen "Aufschwung" glaubt, daran, dass es den Arbeitnehmern wieder besser geht. Die Zahlen - man benutze die Suchfunktion der Nachdenkseiten - sind hier tatsächlich völlig eindeutig: Inflationsbereinigt haben wir bestenfalls Lohnstagnation, die viel bejubelten "neuen Arbeitsplätze" sind häufig ZAF-Jobs für 6 € / Stunde, nachdem vorher korrekte Jobs abgebaut wurden, die Zahl derjenigen, die ergänzend ALG2 beantragen müssen resp sonstwo in "maßnahmen" geparkt werden, erreichen Höchststände, und man muss im Übrigen schon einen SPIEGEL-ONLINE-Designerbürostuhl auf den Kopf bekommen haben, um zu glauben, dass magere 2kommairgendwas Prozent Wirtschaftswachstum einen sensationellen Aufschwung bedeuten. Das neoliberale Mantra, der Aufschwung sei da, die Reformen wirkten, wird auch durch Dauerwiederholung nicht wahr. Es ist schon verrückt, in welchem Ausmaß das privilegierte Bürgertum, gerade das ehemals progressive, sich per Neusprech von der Wirklichkeit abschottet. Alles ist gut, nur die meckerer vermiesen Mohr den Tag. Und so hofft er allen Ernstes auf die EM als "Stimmungskick". "Bei den Hochgestellten", soviel hätte Mohr seinem Brecht entnehmen können, wenn er ihn denn je gelesen hat, "gilt das Reden vom Essen als niedrig. Das kommt: Sie haben schon gegessen!" Aber Mohr war nie Linker. Er war immer nur Opportunist.

PS: Auch Mohr entblödet sich nicht, den bekannt-öden Sermon zu kolportieren:

Schon wer dies formuliert, fragt sich gleich selbst: Bin ich jetzt auch ein mieser Reaktionär geworden, ein skrupelloser Verharmloser des gesellschaftlichen Elends, das die Reichen immer reicher und die Armen immer ärmer macht? Einer, der auch noch andere Zahlen im Kopf hat wie zum Beispiel jene, denen zufolge die obersten zehn Prozent der Gehaltspyramide über 52 Prozent des gesamten Einkommenssteueraufkommens zahlen, während die unteren 50 Prozent knapp mehr als 6 Prozent beisteuern.

Man muss Egon W Kreuzer nicht kritiklos untertan sein, aber seine Zahlen stimmen. Mohr geraten einfach die Begriffe "erwirtschaften" (sowieso zweifelhaft!) und "zahlen" durcheinander. Interessant, dass die schlicht falsche These, die oberen 10 % zahlten ca 50 % der Zeche, seien also die Gönner, denen wir Muschiks zu Danke zu sein hätten, inzwischen als Tatsache gehandelt wird. Genau das ist das Ziel aller Spin-Doctors: Wem es gelingt, die zu lancierende These im Diskurs als Tatsache erscheinen zu lassen, hat den Jackpot gezogen.