Einfach eine der ganz großen Klassiker...
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Dückers über das Bürgertum
@ 2009-11-21 – 23:47:54
Genova macht auf diesen Kurzkommentar Tanja Dückers aufmerksam. Natürlich unterschreibe ich, bin aber auch ein wenig pikiert. Denn was die Mainstreammedien jetzt, ansatzweise, bringen, war jedem, der wissen wollte, seit Jahren bekannt. Surfen Sie mal durch meine Blogroll...
Wie auch immer, was Dückers über die schlicht schamlose Selbstbescheibung der derzeitgen Herrschaftsschicht feststellt, stimmt natürlich. Es ist so unverschämt wie selbstentlarvend. Insbesondere die Parallelen etwa zur Macht- und Funktionselite des Kaiserreichs, nämlich das lustvoll-laute Beschwören des Rechts der Sieger und die ungeheure Agressivität, mit der man auf Unterlegene zugeht und sie unter die Stiefel nimmt, finde ich bestürzend. Hier geht es nicht nur um Stil. Sicher, die Larmoyanz eines Sloterdijk ist allein schon ästhetisch ausgesprochen peinlich. Aber wenn die Herrschaftsschicht, zwischen zwei Schlücken Edel-Chianti, darüber schwadroniert, wie entsetzlich ihr zB vom "überbordenden" Sozialstaat doch mitgespielt werde (es steht zu befürchten, dass die das Ernst meinen!), dann ist das vor allem auch eine hemmungslose Absage an die Realität. Mit allen Folgen, die das zeitigt.
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Hessen, Steuerfahndung, FDP
@ 2009-11-20 – 09:01:31
Das alles ist ja im Grunde seit langem bekannt, war schon vor der Wahl im Januar 09 publik. Unsere Qualitätsjournalisten waren allerdings von ihrer Treibjagd auf Andrea Ypsilanti noch zu erschöpft, so wurde nicht allzu ausgiebig über diesen Skandal berichtet. Auch dieses Blog hat schon mehrfach auf diesen widerlichen Skandal aufmerksam gemacht. Für heute geht es mir um ein konkretes Detail:
Ahahaha, na klar doch. Bürgerliche Wohlanständigkeit bei der Arbeit.Im Jahr 2005 ist die damalige Oppositionspartei noch voll auf Seiten der geschassten Steuerfahnder. Er glaube nicht an "eine zufällige Verkettung", sagte FDP-Politiker Roland von Hunnius damals in einer Landtagsrede. Bewerbungen der Fahnder seien trotz Dienstweg schlicht "verloren" gegangen und Akten des Finanzministeriums seien selbst dem Petitionsausschuss "nicht bereitgestellt" worden. Die CDU schmetterte am 25. Januar 2006 im Landtag eine Petition zugunsten der Steuerfahnder ab – alle anderen Parteien unterstützten die Fahnder, auch die FDP. Deren Vorsitzender und jetzt regierender Justizminister Jörg-Uwe Hahn will davon nichts mehr wissen. Ihm seien "keine Unregelmäßigkeiten bekannt", schreibt Hahn nach dem Regierungswechsel.
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A.C.A.B.
@ 2009-11-20 – 00:35:21
Jörg Tauss twitterte es uns zu. Klar gesagt: Ab sofort trage ich hiermit täglich ein sweat-shirt mit der terrorfördernden Aufschrift A.C.A.B.
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Assoziationen I
@ 2009-11-20 – 00:28:03
"Von jetzt ab und für eine ganze Zeit über / wird es keinen Sieger mehr geben / Auf eurer Welt, sondern nur mehr / Besiegte", sagt Fatzer vor seiner Exekution durch seine Genossen. (Bertold Brecht, der Untergang des Egoisten Johann Fatzer, Bühnenfassung von Heiner Müller, Frankfurt/Main 1994/Sonderausgabe 1996, hier p. 116)
Heiner Müller zitiert diese Passage bezeichnender Weise so: "Er (Brecht) hat Fatzer auch ganz deutlich in den Zusammenhang mit der Ermordung von Liebknecht und Luxemburg gebracht. Er wußte, daß das eine Enthauptung war, die Enthauptung der deutschen kommunistischen Partei, ihre Auslieferung an Lenin. Ein Blick auf den Nullpunkt des Jahrhunderts. Fazer sagt vor seiner Erschießung durch die Kameraden/Genossen: Von nun an und für eine lange Zeit / Wird es auf dieser Welt keine Sieger mehr geben, sondern nur noch Besiegte." (aaO, p. 7)
Heiner Müllers Fehlzitat ist kein Zufall. Aus "Eurer" Welt, die Welt derer, die in Demut töten, wird "diese" - Müller wollte objektivieren. Aus der "ganzen" Zeit wird eine "lange"...Müller resignierte oder hoffte, vermutlich beides. Fatzer ist der Anarchist, Koch der Terrorist, "die Verbindung von Disziplin und Terror" (aaO, p 8). Ob Koch als Koch/Keuner gelten darf, möchte ich bezweifeln. Keuner verfügt über List und Ironie, was Terror ausschließen sollte. Ich räume ein, dass das ein bürgerlicher, Thomas-Mann-gestählter Einwand ist - who cares.
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Aus der Erinnerung erzählt: Nach 1990 soll Stephan Hermlin angegriffen worden sein, weil er schließlich ein Stalin-Gedicht geschrieben habe. Der von den Nazis verfolgte Widerständler und Kommunist Hermlin - 1979 stimmte er im Schriftstellerverband der DDR beim berüchtigten Tribunal gegen den Ausschluß - soll protestiert haben. Drei! Er habe drei Stalin-Gedichte geschrieben, das möge man gefälligst zur Kenntnis nehmen, darauf lege er Wert! Ich verteidige Hermlins Erzählung "Die Kommandeuse" übrigens bis heute uneingeschränkt, habe sie (was ich belegen kann, da ich der Tagebuchleidenschaft fröhne) auch 1989 verteidigt. In ihr erzählt er von einer KZ-Kommandeuse, die am 17. Juni 1953 mit dem Ruf "Freiheit, Freiheit!" von Demonstranten aus der Haft entlassen und nach Niederschlagung des Aufstands zum Tod verurteilt wurde. Literarisch-technisch ist sie sowieso stringent erzählt, zeigt einen Techniker von hohen Graden. Aber da ist noch mehr. Hier die Abschlußpassage. Die KZ-Kommandeuse (in Ravensbrück, wie im Lauf der geschichte deutlich wird) steht vor Gericht: "Sie dachte, als das Gericht erschien, ganz schnell: Lebenslänglich, lebenslänglich, lebenslänglich. Sie war zum Tode verurteilt. Durch ein Brausen hörte sie einzelne Worte: das Urteil sei endgültig und sofort vollstreckbar. Sie wollte nicht schreien und umfallen. Zum ersten und letzten Mal in ihem Leben suchte sie in sich vergeblich die unbekannte Kraft, die sie an ihren eigenen Opfern toll gemacht hatte. Da war eine deutsche Studentin gewesen, die sich stumm zu Tode prügeln ließ; eine Russin hatte vorher noch "Hitler kaputt!" gerufen; vier Französinnen waren, die "Marsellaisse" singend, zum Erschießen in den Bunker gegangen. Eine Stimme in ihr jammerte um ihr Leben. Da war nur eine Stimme in ihr und eine blutige wüste Leere, als zwei Volkspolizisten sie abführten." (Hermlin, Stephan, Die Kommandeuse, in: Durzak, Manfred, Erzählte Zeit, 50 Deutsche Kurzgeschichten der Gegenwart, Stuttgart 1980, p. 422-435)3
Erinnerung I: Als ich 1998 - schon gar nicht mehr soooo jung - noch einmal kurz - und schnell, wenn nicht sofort, skeptischen Sinnes - in eine linke Szene geriet ("Linksruck"), sprach ich mit X übers Hotel Lux. X: "Furchtbar, wie sie sich da gegenseitig verraten haben. Unser linker blinder Fleck", was ich sofort bejahte. Y, der mich (wir hatten uns in der Mensa kennen gelernt) in diese linke Szene einführte: "Du, Hartmut, ich muss Dich vor X warnen!" Verrückt...Der damalige leader zu mir: "Du, ich verteidige den dscherschinskischen Terror heute noch!" Worauf ich ihm einen Kürzestessay überreichte, eine Phantasie über General Westmorelands Satz "Um das Dorf zu befreien, mussten wir es vernichten" und darüber, dass wir Linke solch ein Denken üb erwinden müssten... was er mir wiederum wortlos zurückgab. Mangelnden revolutionären Eifer hat er mir vermutlich attestiert. Dabei war er persönlich sogar nett, jovial, übrigens FC Bayern-Fan und fast so trinkfest wie ich.4
Erinnerung II: Frühjahr 1989. Das letzte Pfingsttreffen der FDJ in Ost-Berlin. Ich und E (wir waren jung, heterosexuell und die Hormone hatten die Herrschaft inzwischen inne) im Schauspielhaus am Gendarmenmarkt, Büchner, Dantons Tod. Manchmal ist das Symbolische auch heute noch fast schmerzhaft direkt, aber so war es wirklich, man möge es recherchieren: Zum Pfingsttreffen der FDJ 1989 gab es in Ost-Berlin in der Tat eine übrigens vorzügliche Inszenierung von Büchner, Dantons Tod - die Inszenierung war ohne jedes Ornament! Was bleibt mir in Erinnerung? (Es heißt übrigens : was BLEIBT - nämlich jetzt! - mir in Erinnerung...nicht etwa: was BLIEB...) Zwei Dinge: Die Klage von Camille Desmoulins Liebster - und die FDJ-Hemden in der Aufführung. Mein erster Gedanke: Warum stürmt das Publikum jetzt nicht die Bühne? Mein zweiter: Stürm Du doch! Niemand hat gestürmt, wie man rückblickend problemlos vorhersagen hätte können. Auf diesem Pfingsttreffen sah ich moch manch anderes, nicht nur einen albernen Cart-Renn-Parcourt (im Friedrichshain???), sondern vor allem Studenten der Humboldt-Uni, die mit irgend einem vermutlich DOS-kompatiblem Rechner aufwarteten (die DDR hatte soeben ihren Megabyte-Chip veröffentlicht) und erklärten, per EDV werde man Umweltprobleme helfen lösen können. Als ich diese Groteske, diese Farce sah und innerlich los kicherte, wusste ich: Nichts geht mehr. Gar nichts. Die DDR ist am Ende. Was mich freute ohne Ende und heute noch freut.5
Erinnerung III: 13.11.89. In Timmendorfer Strand konnte man Ost-Glotze (böser Jargon: "Feindsender") empfangen. Das hier sah ich live und in Secam-Farbe. Natürlich brach auch ich damals in Gelächter aus (nicht erst bei "ich liebe doch alle - alle Menschen" - es heißt übrigens NICHT "Ich liebe Euch doch alle" - sondern vor allem bei dem außerordentlichen Maß an Kontakt, den er gehabt haben will und in der Tat auch hatte). Aber ich wußte jederzeit: Vor diesem Hampelpampel, vor dieser Jammerkapaune hatten wir vor kurzem noch Angst. Mielke war eindeutig Terrorist, nicht Anarchist, zweifellos. Aber was war der LDPD-Abgeordnete (die LDPD wurde später von der FDP aufgekauft), dem am 13.11.89 auf einmal einfiel, dass es nicht nur Genossen gibt in der DDR? Wo war Hermann Kant (damals Volkskammer-Abgeordneter)? Welche Rolle spielte Maleuda? Margot Honecker sieht man im Hintergrund im Plenum (lila gefärbtes Haar), sie schlägt die Hände fassungslos überm Kopf zusammen. Wolfgang Fritz Haug in einem Vortrag zum 150sten Jahrestag des Manifests hier in Hamburg: Der real existierende Sozialismus habe nichts als verbrannte Erde hinterlassen, für 50 Jahre. So ist es. -
Lobbyismus, SpON und die Ironie eines Trampeltiers
@ 2009-11-19 – 16:20:29
Ich muss schon sagen, die gehen ran wie Blücher. Lang gefackelt wird nicht. Nicht mal zwei Monate nach der Wahl bekommt die erste Lobby-Gruppe fürstlich ausgezahlt. Nur Naive können sich darüber wundern. Ich bin keineswegs empört, denn damit war zu rechnen. Es ist jetzt schon abzusehen, dass der durchschnittlich gut verdienende Bürger, der Guidos Lügenwellen aufgesessen ist, aus der schwarz-gelben Koalition bestenfalls plus-minus-null rauskriegen wird, wenn überhaupt. Denn oben wird das Geld "dringender" benötigt.
Mich ärgert etwas ganz anderes, nämlich der empörte Ton, den SpON anschlägt.
Ach wirklich?
In der bürgerlichen Koalition hat das bürgerliche Ethos keineswegs zu sich selbst gefunden? Wir reden hier nicht über die Demokratie, deren humanen, gerechten Grundzug Typen wie Wolfram Weimer so getragen zu beschwören wissen? Es geht schwarz-gelb gar nicht um Gerechtigkeit an und für sich? Nirgends will sich Hegels Rechtsphilosophie konkretisieren, kein Weltgeist anwesend sein? Es handelt sich bloß um die handelsübliche, korrupte Gaunerbande, die jetzt, denn es ist Zahltag, ihr Klientel und ihre Geldgeber bedienen muss? Na watt Wunder aber auch!
Ich bitte für das, was Thomas Mann die Ironie eines Trampeltiers genannt haben würde, um Entschuldigung - aber dazu fällt mir nichts mehr ein. Ausgemacht das Sturmgeschütz des Neoliberalismus mimt den Empörten. Dass ich nicht lache. Die SpON-Redaktion sollte sich mal ins Archiv verfügen und über Mitverantwortung nachdenken.
Guten Morgen, Herr Neubacher!
Wünschen wohl geruhet zu haben, Herr Wassermann!
Ja, wir haben Zahltag. Und Euch wundert das?
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Andrea Nahles
@ 2009-11-18 – 18:59:01
wünscht gute Besserung und genießt ansonsten unverholen die Aussicht auf schwierige Zeiten für die Linkspartei. Herrje, ist das widerlich! Hat diese Frau eigentlich überhaupt kein Anstandsgefühl mehr? Für mich war sie, die alberner weise als "links" gilt, aber jeden Agenda-Mist mitgemacht und mitgetragen hat, immer schon eine charakterlose Karrieristin. Aber das hätte ich jetzt nicht einmal ihr zugetraut. Sie irrt übrigens sogar inhaltlich - auch die Grünen haben, gegen diverse Voraussagen, den Abschied Fischers überlebt.
Der gute burks übersieht hier einen entscheidenden Punkt. Nimmt man die Länge zum Maßstab, mit der die Kampagne gegen Lafontaine inzwischen läuft (10 Jahre), dazu auch ihr Ausmaß (so gut wie alle Mainstream-Medien, das geht bis zur Bildauswahl), so kann man sie schon beispiellos nennen. Massiver war und ist eigentlich nur die Kampagne gegen die radikale Linke und die Autonomen - und die folgt anderen Gesetzlichkeiten. Für einen etablierten Politiker ist das schon ohne Beispiel.
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50 Millionen (update)
@ 2009-11-17 – 09:33:29
US-Bürger haben nicht genug zu essen, im Finanzmarkt droht ein neues Debakel (es wird kommen, so oder so - die neuen Blasen sind ja längst da), die Industrie in Deutschland baut 1,2 Millionen Jobs ab (Preisfrage: Wo bleiben die eigentlich?), aber der Aufschwung ist natürlich da.
update: siehe den veränderten SpON-link - die hgestrigen zahlen waren offenkundig falsch.
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Ulrich Greiners Würde
@ 2009-11-15 – 13:33:16
Das hier wollte ich eigentlich genauer auseinander nehmen - aber ich habe keine Lust, und es ist auch zu mager, was Greiner da anbietet. Der Mann ist ja komplett durch den Wind.
Warum wir nicht länger von Gleichheit reden sollten
lautet der Untertitel, aber die durch das Wort "warum" geweckte Erwartung, jetzt folgten rationale Gründe, wird leider enttäuscht. Ein bißchen bildungsbürgerliches Zitieren, ansonsten die üblichen Ressentiments, mehr ist da nicht. Und dann auch noch falsch, wenn wir etwa an Hofmannsthals Gedicht denken, welches ja
Ganz vergessener Völker Müdigkeiten
gerade eine Absage, zumindest eine deutliche Kritik am nietzscheanischen Ästheten-Gestus vom Einzelnen, Abgehobenen bedeutet.
Kann ich nicht abtun von meinen Lidern
undWir befinden uns in einem Prozess der Desolidarisierung und der Repolitisierung.
Ist das erstaunlich? Allerorten werden die wachsenden Abgründe zwischen Arm und Reich konstatiert, die schwindelerregenden Gehälter ganz oben, die Zunahme von Unwissenheit und Verwahrlosung ganz unten. Wenn die Recheneinheit von Staatshilfen für selbst verschuldet fallierende Banken bei einer Milliarde beginnt, für unverschuldet abseits Geratene aber bei Tausend endet, muss man sich nicht wundern, dass die soziale Frage erneut auf den Tisch kommt.
schreibt er zunächst treffend. Aber diese Einsicht bleibt folgenlos. Denn auch Greiner weigert sich offenkundig, auch nur die einfachsten Tatsachen zur Kenntnis zu nehmen. Es stimmt nicht, dass die Unterschicht von der Oberschicht durchfinanziert wird. Wahr ist vielmehr, dass sich inzwischen Millionen von Menschen - per Gesetz ("Verringerung der Hilfebedürftigkeit") sind sie dazu verpflichtet - in Jobs verdingen müssen, von denen sie nicht leben können. Etwa in Reinigungsjobs, wo der Passus, der von sittenwidrigen Löhnen spricht, dadurch umgangen wird, dass nicht mehr pro Stunde sondern pro Hotelzimmer bezahlt wird. Hinterher dürfen sie dann "aufstocken" und müssen sich am Ende auch noch anhören, sie lebten als Kostgänger auf Kosten anderer. Weiß Greiner das nicht? Und weiß Greiner nicht, dass es sich bei dem Gerede, die oberen 10 % schmissen 90 % der Bordrunden, um eine Zwecklüge handelt, die auch durch Dauerwiederholung nicht wahr wird? Weiß er wirklich nicht, wieviel ressourcen in den letzten jahrzehnten, speziell seit der sog. Bankenrettung, direkt nach oben durchgeschossen wurden?Greiner ist Literaturkritiker. Er soll sich kompetent über Literatur äußern (bei v. Hofmannsthal ist ihm selbst das ersichtlich misslungen). Niemand erwartet, dass er sich kompetent über Arbeits- und Sozialpolitik äußert. Aber wenn er schon keine Ahnung hat, dann sollte er an Nuhrs guten Ratschlag denken und vielleicht einfach mal die Klappe halten.
Stattdessen lesen wir:
Ich befürchte, dass er das Ernst meint. Der deutsche Bildungsbürger gerät wieder ins Träumen. Die Herrenmenschenknute spielt dabei offenkundig eine prominente Rolle. Greiner träumt vom Musen-Park für ihn und seinesgleichen, gesäubert vom Hartzer-Pack, und diesen Dativ muss man doppeldeutig lesen.In der ständischen Gesellschaft war das (Respekt!, hf) kein Problem, der Herr respektierte den Knecht als Knecht.
Was ich an diesen haßerfüllten Ressentiments gegen die lower-class, mit der wir seit jahren wohl versorgt werden, so entsetzlich finde: ich sehe keine Möglichkeit mehr für ein Gespräch. Man kann vor Leuten wie Ulrich Greiner im Grunde nur noch warnen - und das ist schlimm. Denn da sind wir, editiere ich, wie Momorules richtig sieht, sehr bald beim Ausnahmezustand.
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Stasi reloaded
@ 2009-11-15 – 09:52:49
Das Thema läßt einen doch nicht los.
Zwei Lektürefrüchte will ich dem Publikum nicht vorenthalten.
I
In der bpb-Publikation "Die DDR-Staatssicherheit" von Jens Gieseke - ansonsten, soweit ich überblicken konnte, tadellos und sauber recherchiert - findet sich p. 37 ein Fehler, den ich bezeichnend finde.
Ein breites Betätigungsfeld fand die Staatssicherheit in den 60er Jahren im Propagandakrieg gegen die Bundesrepublik. Sie benutzte die seit den 40er Jahren aufgebaute Sammlung von NS-Materialien, um wirkliche oder vermeintliche (meine Hervorhebung!) NS-Täter anzuprangern, die in der Bundesrepublik Ämter innehatten, zum Beispiel in Politik und Wirtschaft, Justiz und Polizei. Der Eichmann-Prozeß in Jerusalem 1961 sowie die NS-Prozesse in der Bundesrepublik lieferten hierzu die Anlässe. Hierbei diente in der DDR ermitteltes KZ-Personal als "unter kontinuierlicher Beobachtung stehener Pool", aus dem sich Spitzel werben ließen, falls erforderlich abr auch Angeklagte für ein Gerichtsverfahren ausgewählt wurden. Partei und MfS inszenierten gegen Bonner Politiker in Abwesenheit Prozesse und lancierten (zur Not auch gefälschte) Belastungsdokumente.
Daran ist zunächst einmal soviel richtig, dass der SED-Staat tatsächlich einen sozusagen pragmatischen Gebrauch von den ermittelten Fakten zur NS-Diktatur machte. Wo es von Nutzen war (weil die ermittelten Täter anderweitig nicht mehr zu gebrauchen waren bzw die Bundesrepublik in Mißkredit gebracht werden konnte), wurde angeklagt; wo die NS-Täter im Sinne des SED-Staats vernutzbar waren, wurde erpresst oder gar verschwiegen. Das gilt etwa für Technik-Spezialisten, die man benötigte - zB im Rahmen des Versuchs, in Dresden eine eigene Luftfahrtindustrie aufzubauen. Der SED ging es bei ihrer Auseinandersetzung mit den NS-Tätern ganz gewiß nicht um Gerechtigkeit ohne Ansehen der Person.Das bedeutet aber nicht, dass die Staatssicherheit systematisch falsche Beweise produzierte. Ich weise nochmal darauf hin, dass man in Nordens berühmten Braunbüchern (von wenigen tatsächlich wohl versehentlich unterlaufenen Fehlern wie etwa Namensverwechslungen abgesehen) keine Falschzuschreibung findet. Bezeichnender Weise nennt Gieseke keinen konkreten Fall. Auch die Dokumente zu Lübke waren nicht gefälscht, wie wir in zwischen wissen (der Wiki-Artikel "Braunbuch" irrt hier). Sogar Hubertus Knabe räumt inzwischen ein, dass man der Staatssicherheit in diesem Bereich keine Fälschung nachweisen kann (Beleg bei der Wiki-Diskussion um "Braunbuch"). Und das will was heißen, denn ansonsten hatte die Stasi eine lockere Hand, wenn es darum ging, Menschen mit Hilfe von gefälschtem Material zu zersetzen.
Gieseke suggeriert es anders - nicht zuletzt dadurch, dass er allen Ernstes und ausgemacht den Fall Oberländer im Bild hervorhebt - ohne ihn im Text explizit zu nennen. Oberländer war eine der widerwärtigsten Nazis überhaupt, ein brauner Edelintellektueller, der dem Antisemitismus und Rassismus der Nazis pseudowissenschaftliche Gründe lieferte. p. 37 in Giesekes Broschüre empfinde ich als außerordentlich mies, weil es symbolisch steht für das, was seit 1990 bei uns statt hat: Per rot=braun die Nazi-Vergangenheit beim Stasi-Staat deponieren und als Berliner Republik reüssieren. Bitte recht verstehen: Mit der Stasi muss niemand Mitleid haben. Mit Herrn Oberländer aber auch nicht.
II
Den treffendsten Beitrag zur Stasi-Debatte "Prenzlauer Berg" (IM Gerhard/IM David Menzer) laß ich bei Günter Kunert. Man möchte eigentlich den ganzen Essay zitieren; leider ist das aus copyright-Gründen nicht möglich. kursiv = Meine Anmerkungen
(...) Zur Sache: Sascha Anderson, ein offenkundig labiler Zeitgenosse, wurde bereits im Alter von 20 Jahren von der Staatssicherheit "zur Brust genommen". Er hat sich dem Machtapparat nicht entziehen können, ein namenloser, in der Provinz lebender Bursche ohne mitmenschliche Stütze, ohne den möglichen Halt einer Gruppe. Ihm ist Angst eingejagt worden, psychisch und physisch. (...) Der Kitt des Systems war die Angst.(...)
Soweit Günter Kunert, ich empfehle die Lektüre des gesamten Aufsatzes.
Wie gesagt: Ein orientierungsloser junger Mann, dem nicht die Gnade der frühen Geburt zuteil wurde, die ihn vor Pressionen graduell geschützt hätte. Die Rede ist von jenen Biographien, die in der Nazizeit einen politischen oder "rassischen" Knick bekamen und die ihrem Besitzer größere Freiheiten gestatteten. (...) (Kunert redet hier von sich selbst, denn Günter Kunert, geboren 1929, war Sohn einer "Halbjüdin" oder wie die Nazis das schrieben. Er konnte sich später in der DDR tatsächlich einiges herausnehmen, 1979 war es ihm dann aber zu bunt und er ging in Folge der Biermann-Ausbürgerung und des Herrmann-Kantschen Tribunals.)
Vorstellbar ebenso, daß Anderson wie andere seines Intellekts glaubten, die "dumme" Stasi austricksen zu können.Allerdings! (...)Und war nicht die Existenz der Stasi gar ein Stimulans für Autoren?(...) Wurde einem auf diese Weise nicht ein Selbstverständnis, ein Gefühl der eigenen Wichtigkeit vermittelt, das sich unter normaleren Verhältnissen kaum eingestellt hätte? (Antwort eines ehemaligen "Menschenhändlers": Ja, ja, dreimal ja!)Die Aufhellung des Syndroms eines in die Stasi-Machenschaften Verstrickten bedürfen weiß Gott psychatrischer Mühen. Mit moralischem Rigorismus kommt man hierbei nicht weit, jedenfalls nie zum Kern.(...)
Sowohl Pastor Schorlemmer wie Wolfgang Thierse fordern ein Tribunal, vor dem ich mich, wie ich gestehen muß, zu fürchten anfange. Die wirklichen Täter werden(...)vor keiner Instanz erscheinen.(...) Und die kleinen Fische? (...) Hat denn nicht das öffentliche Tribunal seine Arbeit mittels Presse aufgenommen?(...)
Es gilt zu unterscheiden zwischen den armen Schweinen und den Schweinehunden.(Kunert, Günter, Zur Staatssicherheit, Poesie und Verbrechen, FAZ 18.11.1991, zitiert nach: Deutsche Literatur 1991, Stuttgart, 1992, p 272 ff
